Samstag, 7. Mai 2022

 Dr. Reinhard J.A. Pohl

Wilhelm Jensens Novelle "Ein Traum" (1882) 

(Novellen, 1902, S. 123-272)

Nachwort

Für Hartmut Heyck

 

 

 

  Im Erscheinungsjahr 1882 von "Ein Traum" als Novelle des zweiten Bandes der Sammlung "Aus stiller Zeit" hatte Wilhelm Jensen (1837-1911) seine Lebensmitte lange überschritten und konnte dabei auf mehr als zwanzig dieser kürzeren narrativen Produkte seit seinen "Lübecker Novellen" 1868 zurückblicken. Sie begleiteten auch weiterhin seine unglaublich reiche und erfolgreiche Romanproduktion, neben der sie in thematischer Verflechtung wie auch die Reihe seiner acht Gedicht- und Epikbände stehen. Jensen war im Juli 1876 von Flensburg und Kiel nach Freiburg umgesiedelt, was nach dem heimatlichen Norddeutschland, Nord- und Ostsee wenig später auch den Schwarzwald und die Vogesen, d.h. das neu eroberte Elsass thematisch ("Götz und Gisela",1886)  und vor allem historisch ("Die Pfeiffer vom Dusenbach", 1884) in seinen Blick treten ließ. Seit 1881 arbeitete er an zwei großen Romanen, den noch in der Nordsee "Versunkene(n) Welten" sowie den großstädtischen "Metamorphosen", die 1883 zugleich in mehreren Teilen auf den Markt kamen, was in der Folgezeit oft zu Dreiteilungen eines Romans von 500-600 Seiten führte.

 

    Eine Novelle Jensens hingegen umfasst immerhin ca. 100 bis 150 Seiten, selten mehr und erschien in kleinen Sammlungen zu zweit oder zu dritt mit verschiedenen Schauplätzen Deutschlands aus Gegenwart und Vergangenheit. 

Die von Paul Heyse, den Jensen aus seiner Orientierungszeit in München gut kannte, 1871 propagierte Novellentheorie war ihm vertraut, ohne dass er ihrem Schema systematisch folgte. Diese auf eine Novelle von Boccaccio zurückgeführte sogenannte "Falkentheorie" Heyses aus seiner Einleitung zum Deutschen Novellenschatz handelt von einem in eine adlige, reiche Dame verliebten armen Falkner, der jene dadurch erobert, dass er ihr ausgerechnet seinen Falken zum Mahl vorsetzt. Der Falke, dem er seine Existenz verdankt, wird also unter großem herzergreifenden Schmerz geopfert und dient als Dingsymbol, das in den Novellen nach Heyse in irgendeiner Form z.B. als Leit- um nicht zu sagen Leidmotiv auszumachen wäre mit der kompositorischen Kontrollfrage "Und wo ist der Falke"? 

 

    In unserer Novelle lässt sich dies nicht eindeutig klären, wohl aber das Motiv der sozialen Diskrepanz, die hier trotz individueller Aufopferung der standesmäßig ungleichen Verliebten in Umkehrung Boccaccios nicht zur Erfüllung führt, sondern zum dramatischen Verzicht, - vielleicht gerade weil es keinen Falken gibt und es damit auch keine Novelle mit einer einfachen Struktur (Heyse:"Silhouette") wäre?

 

    Die langsam fokussierende Erzählperspektive verschleiert bei Jensen eindeutige lokale oder historische Fakten und öffnet sie dadurch zugleich für überraschende Zusammenstellungen und Deutungen neu. Das ist bei Jensen gattungstypisch sogar noch für seine Novellen aus früheren Jahrhunderten, wo dieses Verfahren im historisch selten präzis zu dokumentierenden Rahmen notgedrungen anwendbar ist.

Allerdings umgeht er auch den Gattungsbegriff und nennt seine fünf kürzeren Texte 1888 in "Aus schwerer Vergangenheit" "Ein(en) Geschichten-Zyklus".

Seinen Roman in drei Teilen von 1885, "Aus den Tagen der Hansa", benannt nach den jeweiligen Protagonisten, nennt er "Historische Erzählungen". Dort erläutert er im ersten Kapitel seine Methode: "Der Maler, der ein Bild der deutschen Verhältnisse um die Mitte des 14. Jahrhunderts entrollen will, darf es nur mit wenigen großen Strichen darstellen; eine Zeichnung der zahllosen, unablässig sich verschiebenden Einzelheiten, selbst der bedeutendsten, würde das ganze verworren-unkenntlich vor dem Blick zerwogen lassen"(S.11). Vor allem geht es um die dichterische Phantasie, die sich am historischen Beispiel entwickelt und es fiktive Wirklichkeit werden lässt. Dieses poetische Konzept schlägt nach 1900 zugunsten fast lexikalisch eruierter historischer Fakten um.

In "König Friedrich" (I-III,1908, 750 S., "Ein geschichtlicher Roman") flicht er z.B. lange historische Briefzitate in die hinlänglich bekannte Gesamthandlung ein.

 

    Die Novellen Jensens aus der schriftstellerischen Gegenwart des 19. Jahrhunderts müssen empirisch nachvollziehbarer sein, zusammengefasst also vom Typus her genauer ortsgebunden, sich zuspitzend mit zeitlich begrenztem Geschehen, das narrativ sozial und landschaftlich aktuell ausformbar wird und seine freie, dynamische Eigengesetzlichkeit durch Faktenreferenz nicht einengt. Eingefasst darin sind bei Jensen immer poetische Naturschilderungen, hier sehr gut beobachtete  "Seestücke".

Sogar sein unsterblicher Jahrhundertroman "Karin von Schweden" 1872 wird von ihm deshalb wohl Novelle genannt, obwohl es die quellenmäßig belegte Historie des Aufstiegs von Gustav Wasa ist, weil Jensen in die Topologie Schwedens eingreift und sogar die Protagonisten z.B. unhistorisch attraktiv verjüngt.

Bleibt in Bezug auf die späteren Novellen "Der rote Schirm", "Im gothischen Haus" (= "Übermächte, 1892) und natürlich auf "Gradiva"(1903) die Frage, wie stichhaltig psychoanalytische Interpretationen mit eher entpersonalisierten biographischen Elementen überhaupt umgehen können. Seine objektivierende Haltung in den Novellen erklärt vielleicht auch, warum es so wenige Ich-Erzählungen bei ihm gibt. Ist die häufige Einschätzung "wie im Traum" oder der Blick auf sehr junge Protagonisten und Jugenderinnerungen psychologisch allgemein doch oder noch konzeptlos? Jensens Typologie von Träumen in seinen Texten - Träume sogar mit expliziten Wortpassagen - sind viel breiter angelegte Zweitdimensionen der Verarbeitung von Eindrücken und Problemen, die in erster Linie seinen erfundenen wie abgeleiteten Personen allgemeinmenschlich und auf einem historischen Erkenntnisstand zuzuordnen sind und ganz entfernt eher vorfreudianisch vielleicht nach ihm selber, d.h. nach dem Motiv von deren Wiederaufnahme fragen lassen.

    Nach diesen Vorüberlegungen seien die lokalen und biographischen Elemente in "Ein Traum" noch einmal situiert. Man erkennt eindeutig den ungenannten Ort Heiligenhafen, wo das heutige Hotel Stadt Hamburg bzw. damals Hotel zur Post die Zuordnung klärt ebenso wie die dem Hafen vorgelagerte Halbinsel Graswarder. Dass Jensen selber der Sohn einer Magd aus Heilgenhafen (Jahrgang 1808) und einem Kieler Patrizier (Jahrgang 1795) hier 1837 geboren ist, daran sei als wenig hilfreiche Referenz angesichts neuer narrativer Begebenheiten zumindest erinnert: bis zum Alter von 18 Jahren wuchs er in Kiel auf und ging zum Abschlussjahr des Gymnasiums nach Lübeck auf das Katherineum. Seine Eltern, vor allem der lokalpolitisch berühmte Vater, sollen sich nicht viel um ihn gekümmert haben, jedoch sehr früh schon nahe Verwandte.

 

Ein Traum  

     

    Im Hotel "Stadt Hamburg" hat ein uneheliches, ansehnliches Mädchen, "Aline", "Antje" in diesem Milieu gerufen, eine Art Gnadenstellung ("aus Barmherzigkeit") bei dem raffsüchtigen und moralisierenden Gastwirt Bartel Schmolk gefunden. Dieser weiß von den Eltern nur, dass die Mutter eine schöne Mamsell aus der Stadt war und der Vater nur kurz vor Ort. Der Bauer Christoph Störtebeker macht ihr zu Beginn der Novelle einen Antrag, dem sie zwar zusagt, aber noch abwartet. 

Wir sind also mit ihr auf einem Bedienstetenniveau, in das sodann ("elendes Nest", S.187) ausschweifende Studenten aus Kiel einbrechen und somit zwei soziale Kontexte aufeinander treffen, weil der Student Waldemar Rehwohlt und Aline, noch Antje gerufen,  sich fast spontan ineinander verlieben mit einer Textur von nächtlicher Wache, Traum und Realität. Die ganze Novelle ist allerdings trotz vieler Elemente aus Traumerfahrungen insgesamt kein Traum, sondern nur eine Metapher für das Scheitern Alines in der als unwirklich vorgestellten und ebenso erlebten bürgerlichen Welt der Stadt Kiel. Dabei sind durchaus psychologisch interessante Ansätze auszumachen, auf die man z.B. schon bei den Fragen des Jura-Studenten methodisch eingehen kann.

 

    Die Magd selber gilt als elternlos und muss für diese Schande indirekt büßen. Die anonyme Geographie illustriert allgemein die Bedingungen ihrer schwierigen Existenz: der Ort unten vor der Geestkante, auf der zwar oben der Bauer wartet, unten Badebetrieb und Hafen mit Bucht und Landzunge vor der Ostsee und später die Flucht in die Großstadt Kiel.

    Davon, wie die Magd Antje aufwuchs, erfahren wir nichts. Auf Geheiß des Wirtes bringt sie dem Studenten einen Nachttrunk, schwankt jedoch, ob alles wirklich oder ein Traum ist (S. 182 ff.). Der Student schläft schon mit ausgetreckter Hand auf der Decke, die sie im "Traumverlangen" ergreift (bis 197). Rehwoldt erwacht um Mitternacht zu einem Gespräch.

Er hat ihre fatale Abhängigkeit vom Wirt durchschaut und fragt nach ihrer Kindheit: S.197 "Sprich, was dir einfällt..", also in freier Assoziation. Sie versucht, Rechenschaft in dieser Geisterstunde abzulegen, hält weiter seine Hand und gewinnt ihn virtuell "lieb" in dieser surrealen Mondnacht unter dem Dach. Rehwoldt spricht von Mitgefühl (199), sodann auch von "Liebe" in Bezug auf diese Nachtwandlerin, deren Platz plötzlich gespenstisch leer ist (200 ff.). 

Als die Studenten am nächsten Morgen aufbrechen, taucht sie nicht wieder auf. Rehwoldt lässt ein Goldstück als Trinkgeld zurück, das der Wirt einstreicht, und die  Clique bricht mit einem Segelboot durch den "flussartigen Hafeneinschnitt" (204) auf in Richtung auf das offene Meer zu ihrem "Heimziel" , d.h. die Universitätsstadt Kiel.

 

    Hier in der Mitte der Novelle - Jensen spitzt in vielen seiner kurzen oder längeren Texte gerade die Mitte des Gesamtablaufs dramatisch so zu, dass dieser dann in unerwartete Richtungen umschlagen kann - wird sich Rehwoldt im Zorn des Frevels bewusst, dass er in "jagender Hast" (205) seinem Glück unwiderruflich davonflog. Fast war die See schon erreicht, die sich hinter einem Steinwall der Landspitze auftat, als er Antine auf dem äußersten Granitstein in Sonne und Wind einen letzten Abschiedsgruß den Vorüberfahrenden zuwinken sah. Zum Schrecken seiner Kameraden steuert er auf sie zu, refft das Segel und nimmt sie, die den Sprung wagt, an Bord, um sie, sein "seliges, windumflattertes Traumgebild" (206), zu befreien. Die beiden Lebenslinien, die sich im Gasthaus kreuzten, vereinen sich an diesem Wendepunkt zu einem gemeinsamen Aufbruch. Antine überhöht diesen Augenblick ihres Glückes als Traum, begreift ihn dann aber mehr und mehr als Wirklichkeit, obwohl sie Rehwoldt noch als einen edlen und liebreichen Gott - der ja auch nur ein Mensch war - bezeichnet, an dessen Traumhand sie dann durch die große fremdartige Stadt geht (209).   

 

  Rehwoldt erweist sich als ihr getreuer Beschützer, aber nicht als ihr Liebhaber. Er bringt sie in einem Gasthof unter und kauft ihr neue Kleidung, ehe er sie dort verwundert allein lässt, weil es unschicklich ist, bei ihr zu bleiben als ein nicht mit ihr Verheirateter.  Schließlich findet er eine Wohnung für sie, wo er sie als seine "Cousine" ausgibt, was sie zwar beunruhigt, doch an seiner Liebe nicht zweifeln lässt. Er besorgt ihr Bücher, um Versäumtes, nicht Gelerntes nachzuholen und sieht die von ihm organisierte, sozial aufsteigende Anpassung als Äquivalent zu ihrer Schönheit in seinem und ihrem Interesse für ein noch nicht definiertes Später. Rehwoldts fürsorgliche Erwägungen und Liebeserklärungen bemänteln, dass er sie versteckt, denn er verbietet ihr, ihn zu Hause zu besuchen. Sie akzeptiert es: "Er dachte ja für sie, und ihr Kopf brauchte sich nicht drum zu bemühen" (224). Dank der Hilfe von zwei Lehrerinnen lernt sie Versäumtes mit überraschender Schnelligkeit. Rehwoldt nimmt sie mit ins Theater und in Museen, zieht sich jedoch immer rasch und gleichgültig von ihr zurück, wenn andere Leute in ihre Nähe kommen und sie tut ebenfalls, als ob sie ihn nicht kenne und meidet auf der Straße an seiner Seite sogar das Sonnenlicht. Dabei macht sie äußerlich eine gute Figur, ja, sie scheint ungewöhnliche Züge zu besitzen, die auf vornehmere Abstammung hindeuten. Abends nimmt er vor ihrer Tür Abschied und tritt niemals ein mit der Erklärung: "Weil ich Dich lieb habe, Antine!" (230)

 

    Nach zwei Monaten ändert sich die Situation: binnen kurzem werde er sein Examen machen, könne als Anwalt ans Heiraten denken und in einer großen Wohnung leben. Antine fasst dies so auf, als habe er vor, eine andere Frau zu ehelichen, und sieht für sich nur noch eine Dienerinnen-Rolle in seinem künftigen Haushalt. Dass Rehwoldt sie aber als seine Ehefrau meint, begreift sie nicht. Ihr neuer bürgerlicher Erziehungsprozess ist aufgepfropft und hat sie innerlich nicht erreicht. Rehwoldt bleibt so vage, weil er die Einwilligung seines Vaters noch dringender braucht als sein Examen. Jetzt wird deutlich, dass 

"Ein Traum" nicht nur die Anpassungsversuche Antines an eine fremde Wirklichkeit betitelt, sondern den Lebenstraum des verliebten Studenten Waldemar Rehwoldt, der dieses Ziel vor dem Vater und der Gesellschaft noch weiter verbergen muss, damit dieser Traum einer unstandesgemäßen Verbindung nicht vorher zerplatzt.

    Diesen Entwicklungsprozess führt der Autor Jensen uns schrittweise vor Augen. Deshalb hat er jenseits seiner eigenen biographischen Fakten den verliebten, idealistischen Studenten Rehwoldt aus einer neuen Generation erfunden. Dieser kämpft gegen die Zwänge der autoritären Vaterinstanz, und man ahnt schon, dass er diesen Kampf nicht gewinnen wird, weil er sich schon durch die Verheimlichung der väterlichen Autorität unterwirft.

   Antine bleibt in allem außen vor. Auch das väterliche Haus, in dem eine große Gesellschaft stattfindet, zu der Waldemar später hingehen muss, betrachtet sie neugierig in dessen Glanz und möchte zumindest von der offenen Tür aus hineinsehen, ob Eltern und die Schwester Ähnlichkeit mit ihm hätten. Waldemar konstatiert, dass sie ihm sehr unähnlich sind, was auf den Umgang des Studenten mit einem niederen Stand abzielt. Jensen stilisiert die Distanz in fast ironischer Bitterkeit. Zufällig treffen die Verliebten die Familie im Zoo vor den Vogeldrahthäusern - man könnte nicht nur Antine im Habit des 19. Jahrhunderts mit Federhut wirklich für einen exotischen Vogel halten. Waldemar begrüßt unvermeidlicherweise die Familie. Die Mutter geht zu einer ihr unbekannten Voliere und streift dabei die abseits stehende reglose Antine. "Ein recht feines, hübsches Mädchengesicht" (235), so die Mutter und die Schwester: "... eine ganz ordinäre Erscheinung, ... eine höhere Kammerzofe, die hier ein Rendezvous mit einem Feldwebel verabredet hat": Antine isoliert und deklassiert. Der Vater hingegen hält Waldemar für eine "lockeren Vogel", weil jemand ihn mit einem hübschen Mädchen am Arm auf der Straße gesehen habe. Er hoffe, dass er nach dem Examen dem Vorbild seines reichen Vaters Ehre mache. Antine versteht von allem nichts und stellt nun auch die Unähnlichkeit Waldemars mit den Seinen fest und fühlt sich schmerzvoll an Bartel Schmolk erinnert. Die gemeinsamen Lebenslinien laufen auseinander und auch der Frohsinn droht zu versiegen. 

   Mitte Oktober überbringt Waldemar Rehwoldt ihr die Botschaft seines rühmlich bestandenen Examens. Er lädt sie zur Feier des Tages ins Theater ein, wo sie wieder getrennt von ihm ist: man gibt das Schauspiel "Romeo und Julia", von dem sie nie gehört hatte. Erfreut erblickt sie Waldemar in der Nebenloge und ihre Blicke konnten sich treffen, ohne dass die Umsitzenden es wahrnahmen.

  Mit nur wenigen Strichen hat Wilhelm Jensen die Tragödie in nuce als die der beiden angedeutet: die feindlichen Eltern seinerseits (auf Antines Seite niemand als sie selber), die Verheimlichungen und statt der Balkonszene zumindest eine Loge mit verkehrten Plätzen. Obwohl Antine die Vorgänge und Worte auf der Bühne nicht begreift, erfasst sie sie, denn ihr "Herz hatte .. schon ebenso geredet und brauchte keine Belehrung, um jeden Klang, jedes Gefühl in ihnen zu verstehen" (242). Ihr wird im Blick auf Waldemar klar, warum Romeo plötzlich Julia küsst. Und dann noch eins: beide wollen heiraten, aber die Eltern verweigern die Einwilligung und "daraus entsprang alles Unglück" (243). "Heirate man sich auch, weil man sich lieb hatte?" Und warum heiratet Waldemar sie nicht? Ihre innere Antwort: "Ein reicher Mann heirathete nur ein reiches Mädchen, die armen wollte keiner" (244). Das hatte sie schon immer gewusst. Er konnte sie nicht heiraten. Und sie erblickt Christian Störtebeker vor sich, der sie trotz ihrer Armut heiraten wollte, warum dann nicht Waldemar?

 

   Dieser führt sie in einer großen Restaurationswirtschaft in ein kleines Separatzimmer, um ausgesuchte Speisen fast wortlos zu sich zu nehmen. Waldemar stößt abschließend auf den kommenden Tag mit Champagner an, denn er will, was Romeo nicht konnte, die Einwilligung seines Vaters zur Heirat verlangen. Da Antine wiederum nicht versteht, dass sie es ist, die er heiraten will, nennt er sie endlich, "Antine - meine holde Braut" (248). Sie ist überglücklich und möchte wie im Rausch noch mehr. Doch er will warten, obwohl sie ihm vorschlägt, wie Romeo heimlich durch das Fenster in ihr Zimmer zu kommen. Sie übt mit dieser Liebesprobe Druck auf ihn aus, so dass er tatsächlich in diese Rolle schlüpft und sie zum ersten Mal küsst, sie aber dann jäh verlässt. Allein gelassen träumt sie: der Traum brachte ihn zurück ".. und sie saß in einem fremden Zimmer an seiner Seite und war seine Frau". (253)

  Dies erfüllt sich allerdings nur in dem Traum jener Nacht. Den ganzen nächsten Tag lang wartet Antine angstvoll auf Waldemar und vertraut sich ihrer Wirtin an, die sie vor ihrem sogenannten Beschützer warnt. Am Morgen darauf läuft sie verzweifelt in die Stadt und entdeckt zufällig in der dichten Menschenmenge einer Hauptstraße die Gestalt Waldemars. Sie ruft ihn an, er dreht ihr den Kopf zu und stürzt "wie von dem Auftauchen eines Gespenstes erschreckt" (257) sich wieder in die Menge.

 

   Fünfzehn Seiten vor dem Ende der Novelle markiert ein dreigestirnter Absatz diese flüchtige Vision, die die Beziehung von Antine und Waldemar zu beenden scheint. Wilhelm Jensen übernimmt aus dem Tragödienschema die Katastrophe, d.h. die auf das Finale zielende Wendung aus der Perspektive Antines. Ihr Warten und ihre Erwartung waren erfolglos, ihr Traum ein böses Erwachen. Das ist in der Tragödienstruktur die fatale Dynamik, die die Helden erst langsam zu verstehen lernen. Jensen arbeitet dabei auf mehreren Ebenen in Bezug auf den Horizont des Lesers und immer stärker auf den sich erweiternden Antines. Für den Zeitgenossen ist unübersehbar das Lohengrin-Motiv der tabuisierten Namensnennung im Zusammenhang mit der Hochzeit, die dort in der Sage wie hier in der Ankündigung Waldemars die Hoffnungen zerstört. 

   Antine ist in die fremde Realität hineingeworfen und versteht verstandesmäßig zunächst nichts, dann wenig und schließlich das Wesentliche. Ihre von Jensen progressiv vorgeführte Welterkenntnis enthält jedoch, erweitert und überwindet langsam ihre eigenen bewährten Verstehensmechanismen wie den Traum, ihr innerstes emotionales, vom Herzen kommendes Wiederentdecken wie bei der Aufführung von Romeo und Julia und neu die reflektierte Erfahrung ihrer Rolle in der Pension, im Zoo oder vor allem auf dem Theater, das Jensen für sie präfigurierend vorführt und sie ermutigt danach handeln lässt. Während die Gestalt Waldemars in ihrer Abhängigkeit ihre persönliche wie narrative Kontur verliert, gewinnt Antine an Profil und Autonomie, wenn auch schmerzvoll und zunächst ohne Aussicht. 

 

   Bei aller Literarizität darf man nicht vergessen, dass das Grundproblem dieser schwierigen Liebesbeziehung in der mangelnden Akzeptanz Antines in der sozial und ökonomisch höheren Klasse Waldemars begründet ist, in die hinein er mit schwindender Hoffnung seine Geliebte, die er im Boot herbeiholte, verankern möchte.

Wilhelm Jensen entwickelt den Charakter des verzweifelten Waldemar Rehwoldt kontrastiv zu dem Antines, ja fast spiegelbildlich, denn der examinierte Intellektuelle fällt in seiner Verzweiflung zurück in ein tragisch-mythisches Denken, das zwar auf der Bühne ablief, ihn aber in der Wirklichkeit nun in die Rolle von Romeo lenkt.

   Von diesem Wendepunkt an geht Wilhelm Jensen eigene Wege mit dem Shakepeareschen Modell, d.h. er adaptiert den Stoff frei mit Milieuwechsel ebenso wie es vor ihm Gottfried Keller in seiner unsterblichen Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe" 1873 getan hatte. Zwischen Jensen und Keller gab es indirekte Kontakte über Theodor Storm. Später, 1889,  schreibt Jensen ein Gedicht auf Kellers letzten Geburtstag. 

Erinnern wir uns, dass bei Shakespeare die Tragik darin endet, dass Romeo die nur in einen Tiefschlaf versetzte Julia für tot hält und sich daraufhin vergiftet. Sie erwacht allerdings wieder und findet den Geliebten tot, woraufhin sie sich erdolcht.

Auch bei Keller endet die Novelle mit dem gemeinsamen Tod der Liebenden.

 

   Aline kehrt "gedankenleer" in ihr Zimmer zurück "müde im Kopf und im Herzen" (258). Was sie seit drei Monaten gelernt hat, ist ausgelöscht bis auf ein dumpfes Gefühl von Sehnsucht. Doch im folgenden, wieder zerrinnenden Traum erscheint Waldemar überhöht in einer Apotheose, die sich realisiert, denn jener erscheint vor dem Fenster, in das Antine ihn hineinzieht.

Seine Erklärung ist für Aline wie ein Schock: er habe sie nicht wiedersehen wollen, sei jedoch durch das zufällige Treffen umgestimmt worden, woran sie Schuld sei. Er habe zweimal mit dem Vater gesprochen. Dieser wolle ihn im Falle der Heirat enterben. So lange er lebe, werde er dabei bleiben. Es sei denn, Waldemar vergifte seinen Vater. "Es lag etwas Irres in seiner Sprache und seiner Haltung" (260).

Antine schlägt freudig vor, ihr bisheriges Verhältnis einfach fortzusetzen. Er möge nur jeden Abend kommen. Sein Verhalten befremdet sie indessen: er ist betrunken vom Champagner, den sie zuvor nicht geöffnet hatten, und beginnt sie zu umfassen und zu küssen. Sie ringt sich los und sagt "das bist Du nicht" (261). 

"Es ist Romeo, Antine, der bei der Nacht zu Julia kommt, die nicht vor der Welt seine Frau sein kann. Aber lassen kann ich nicht von Dir und verlasse Dich nicht, so lang ich lebe. Ich liebe Dich zum Wahnsinn, Antine, und die Liebe muß Dir sagen - gieb mir den Lohn, mit dem Julia auf Romeo harrte" - (ebda.)

Antine versteht nicht, was er mit Lohn meint. Er zitiert Shakespeare "Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht" (262) und dringt auf sie ein, um endlich den fehlenden Liebesakt zu vollziehen, von dem Antine nur dumpf ahnt, dass es ihn gibt. Ihr Schreck ist tödlich, sie ist voller Entsetzen, Abscheu, Fieberglut und eisigem Frost und  - sperrt den Rasenden aus. "Mit dem Instinkt eines bedrohten Tieres" (263) gleitet sie aus dem Fenster und flieht ziellos in die finstere Nacht.

Am nächsten Morgen fragt sie sich zum Bahnhof durch und fährt zurück in ihren Heimatort, also nach Heiligenhafen.

Diese Entwicklung scheint weit von der Tragik des Original-Dramas entfernt, das nur noch als Folie dient, um die innere Situation Antines zu verdeutlichen. Sie ist wie Julia erwacht und begegnet einem Pseudo-Romeo, der Gewalt ausüben will, den sie nicht wiedererkennt. Der vertraute Beschützer ist nicht mehr mit ihm identisch. Ihre Flucht ist gewissermaßen der soziale Endpunkt der Assimilation an die bürgerliche Welt Waldemars, die jenen für immer verschlingt. 

    Was bedeutet dies für Antine, die nur aus der Perspektive Waldemars eine Julia geworden war? Sie hat sich selbst behauptet, ihre reinen Gefühle nicht unterdrückt und ihre Unschuld in einer ausweglosen Situation bewahrt, wiewohl

unaufgeklärt und erstaunlich naiv.

Das neue Leben ist das alte. Im Gasthof "Zur Stadt Hamburg" stiehlt Schmolke ihr das letzte Geld und beschimpft sie übel als "verlaufene Dirne" von der Sorte ihrer Mutter. Sie flieht erneut, diesmal hinauf auf die Anhöhen oberhalb der Stadt und bricht dort zusammen. Dann erinnert sie sich an eine tiefe Zisterne, findet sie auch wieder und erblickt darin ihr Spiegelbild. Da unten wäre eine Ruhestatt für sie. Noch zögert sie, hinunter zu springen. Da steht plötzlich Christian Störtebeker neben ihr und glaubt, sie sei seinetwegen endlich gekommen. 

    Über Aline schlagen die Ambivalenzen ihrer Lebenserfahrung zusammen: lag sie schon unten im Wasser oder hatte sie in einer Sekunde alles geträumt? "Mechanisch raffte sie einen Stein vom Boden, ihre Lippen murmelten: "Traum - " und sie warf den Stein gegen ihr Widerbild, das unter den Kreisen des aufschlagenden Wassers verschwand." Sie ist zurück in der Wirklichkeit, und zwar in einer ihr offenbar sozial angemessenen und folgt Christian in seine Welt, die unzweifelhaft nun auch ihre sein wird.

    Weshalb bedient sich Wilhelm Jensen der Hauptmotive aus Romeo und Julia wie zuletzt des hier unterbrochenen Selbsttötungsprozesses von Antine? Sie verdeutlichen mit einem neuen Akzent auf der weiblichen Seite die lebendige Selbstfindung in sehr differenzierten gesellschaftlichen Zusammenhängen bzw. Zwängen, aus denen sich hier die Heldin befreit. Das ist und war immer der Sinn des tragischen Mythos, der hier in "Ein Traum" den Blick auf eine weibliche psychologische Progression richtet und sie in einer nicht idealisierten Eigenständigkeit aufwertet.

Die tödliche Liebe Romeos und Julias ohne Nachkommenschaft sowie die psychisch wie physisch unerfüllte von Waldemar und Antine schließen eine biographische Parallele zum Autor aus.

 

15.11.2021

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Reinhard J.A. Pohl:

 

Autobiographische Elemente der Selbstfindung bei Wilhelm Jensen

 

    Nicht nur in seiner Novelle "Gradiva"(1903) verarbeitete Wilhelm Jensen Situationen oder Personen aus seinem Leben, die bis hin zu Freuds psychoanalytischer Spurensuche persönliche Grundprobleme dieses eigentlich vater- wie mutterlosen Autors immer wieder thematisieren und zu Leitmotiven bei der Suche junger, aufbrechender Heranwachsender nach ihren Ursprüngen werden können.

Dabei gibt es in Jensens Riesenwerk zeitgenössische Romane und Novellen, in denen die Parallelen zum  eigenen Leben nicht nur strukturell oder motivisch konkret anklingen, sondern vor allem in verschiedene mögliche Richtungen narrativ ausgeführt werden im Sinne einer Befragung, wie es denn gewesen sein mochte oder weitergeführt hätte werden können. Hieraus psychoanalytische Schlüsse zu ziehen, z.B. persönliche Abrechnungen oder eine literarische Kompensation herzuleiten, werden wir uns versagen, jedoch nur da ein Licht mit Jensen auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse werfen, die die Unehelichkeit den Eltern wie den Kinder über Generationen als moralisch verwerflich nachtrugen. Hier wertete Wilhelm Jensen mit großer narrativer Sorgfalt und Engagement für die individuelle Emanzipation neu und immer wieder um im Zerrspiegel bürgerlicher Milieus.

Auf zwei Achsen entwickelt sich dies, auf der väterlichen und getrennt davon auf der mütterlichen in verschiedenen sozialen Kontexten und landschaftlichen Hintergründen. Dieses Verfahren erläutern wir beispielhaft anhand seines Romans "Die Namenlosen" (1870/73) und seiner Novelle "Ein Traum" (1882).

 

    Dazu bedarf es einiger weniger Orientierungsdaten: Wilhelm Jensen kam 1837 in Heiligenhafen zur Welt als unehelicher Sohn der Magd Engel Dorothea Bahr und des Kieler Bürgermeisters Swenn Hans Jensen, der sich später nach der gescheiterten Revolution von 1848 als Landvogt nach Sylt zurückzog. Wilhelm wurde mit drei Jahren der unverheirateten und kinderlosen Pauline Moldenhauer in Kiel zur Pflege überlassen. Kontakte danach zu den Eltern sind nicht belegt (vgl. auch in unserem Bulletin 2 den Bericht von Fanny Friedrichs über die Schuljahre).

    Die Schande der Unehelichkeit bedeutete eine Ausgrenzung, die in Wilhelms Fall dadurch gewissermaßen abgemildert war, dass mit dem Namen Jensen der Vater seine Vaterschaft und damit das Kind anerkannte, ohne nach damaligem Recht mit ihm verwandt zu sein. War er das nur seiner Reputation als Bürgermeister schuldig? 

Wilhelm Jensen war demnach kein namenloses Kind, im Gegenteil, er trug einen bekannten, wenn auch in Schleswig-Holstein häufigen Namen. Vielleicht war es sogar ein Privileg, in der Hauptstadt Kiel in der Nähe des Vaters zu leben. Die authentische "couleur locale" ist ein Bestandteil der narrativen biographischen Geographie zwischen Ostsee und Nordsee. Sie ist in "Ein Traum" an den Schauplätzen Heiligenhafen und Kiel ohne explizite Bezeichnungen zu erkennen sowie zuvor in " Die Namenlosen, 1870/73 (358 S.), deutlich als die Insel Sylt auszumachen.

 

Die Namenlosen

 

    Beginnen wir mit einem rhetorischen Mittel, der Sphragis: es ist die abschließende Namensnennung eines antiken Autors am Schluss seines Textes, also sein Siegel. Dies beschließt Jensens Roman der Namenlosen mit dem Namen seines Protagonisten, dem dreißigjährigen Maler Swen Taken, der zu sich selbst und zu seiner Zukunft auf dem Schauplatz seiner familiären Vergangenheit gefunden hat. Wilhelm Jensen nennt sie strukturell treffend "Palimpsest", das immer wieder zum Vorschein kommt (S. 131) wie in alten überschriebenen Handschriften.

 

    Nach seiner Ankunft auf der durch den massiven Kirchtum von Keitum gut zu identifizierenden Nordseeinsel wird er wegen seiner Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Landvogt Swen Hans Taken identifiziert, seinen Vater, den er nie zuvor gesehen hatte. Sogar der zweite Vorname von Jensens eigenem Vater wird neben dessen Amtstätigkeit im Roman aktualisiert. Besitzt man als Doppelgänger eine eigene Identität oder ist man bei dieser Prägung nicht im höheren Sinne auch namenlos? Das Grab des Vaters befindet sich auf dem Friedhof der Namenlosen, d.h. der angespülten Schiffbrüchigen neben der leerstehenden Landvogtei. Dessen Porträt hängt im Gästezimmer von Takens Ferienhotel:

"So ward es dem Beschauer, der gedankenverloren darauf blickte, immer täuschender ähnlich. Eine Thräne füllte ihm den Augenwinkel - 'mein Vater', murmelte er - 'Nur einen Gruß, nur ein Wort für mich - nur ein Zeichen, daß du jemals meiner gedacht hast -'(S. 130).

 

    Ebendort sind auch eine Berliner Unternehmerfamilie mit der Tochter Aglaia und einem um sie werbenden Offizier untergebracht. Ihr griechischer Name bedeutet "Glanz, Anmut" und ist zugleich der eines Schmetterling, des "Nesselfalters". Sie tötet zu Beginn achtlos einen solchen, der im Folgenden immer wieder motivisch auftaucht als Symbol der fortschreitenden Wandlung und der Wiedergeburt. Erweitert wird der Personenkreis um zwei intermediäre sechzehnjährige verwilderte Naturgeschöpfe, die sich um den Friedhof, in den Dünen und in der Vogtei mit ihrer Bibliothek aufhalten. Beide sind verwaiste schiffbrüchige, als Kinder angespülte Geschwister: Swen und Maiken. Swen Taken findet zufällig eine Planke ihres Unglückschiffes "Felicitas" (134 ff.) und den Weg zum Friedhof, den ihm der kleinere Sven als den der Namenlosen vorstellt. Darauf befinde sich irgendwo auch das Grab von dessen Vater. Dank dieser beiden ausgegrenzten Naturkinder findet Sven Taken einen nachgelassenen Brief seines Vaters in der Vogtei: "An meinen Sohn".

    "Vielleicht kommst du einmal, für den diese Worte sind, und findest sie. Hast du den Trieb von mir zum Erbtheil, so wirst du es; wo nicht, so ist es gleichgültig, ob sie in deine Hände gelangen. 

    Du hast den, der sie schrieb, nicht gekannt; ich kenne dich nicht, der sie lesen wird. Das einzige Band, das zwischen uns besteht, ist, daß du mir das Leben dankst. Ist das ein Band? Ich weiß es nicht. Wirst du mir dafür dankbar sein? Ich weiß es nicht.

    Aber ich weiß, daß du mich anschuldigen wirst." (S. 246)

 

     Es folgt ein langes Schuldbekenntnis, ihn "ins Leben hinausgestoßen zu haben" (S. 247). Er wäre ein kalter Boden gewesen, hätte er ihn zu sich genommen und möchte eigentlich nur noch, dass er ihm nicht deswegen zürnt. Er habe ein doppeltes Vermächtnis hinterlassen, die aus dem Untergang der "Felicitas" geretteten Kinder Swen und Maiken, die er dem Gemeinwohl der Insel übergeben hätte, sie sollte aber frei "wie die Natur den Menschen gewollt" (S. 251) aufwachsen und nie ihre Herkunft erfahren. "Baue die Hoffnung deines Herzens auf kein Weib, mein Sohn, das dir nicht mehr wert ist als dein Leben, dem du es nicht bist. Das ist der Goldstrich am Prüfstein der Liebe, alles Andere nur der Abglanz werthlosen Metalls. Saß ich ein solches für Gold nahm, war der Betrug, den ich mir selbst verschuldete, der Grund meines verfehlten Lebens. Doch es ist auch der Grund deines Seins. Möge dies die Zwecklosigkeit des meinen ausgleichen! Dann hätte doch nicht vergebens gelebt 

Dein Vater Swen Taken". (S. 251 f.)

 

    Der Sohn empfindet nur Kälte und begreift, dass er von diesem geheimnisvollen eisigen Pol im Norden innerlich angezogen war und eigentlich froh sein könnte, ihm nicht lebendig mit der kalten Abweisung "Ich kenne dich nicht" begegnet zu sein. Doch Maiken kennt den Brief ebenfalls und fühlt sich voller Liebe zu ihrem virtuellen Halbbruder Taken hingezogen.

 

     Scheinbar ist damit die Vaterproblematik narrativ gelöst, die Frage des Herzens nicht, noch nicht. Der zweite kontrastive Handlungsstrang kommt mit den bürgerlichen Berliner Feriengästen ins Spiel und überkreuzt sich zuweilen in fast parodistischer Weise mit dem Nordseemilieu. 

     Als die Einheimischen Sven Takens Ankunft, von der sie glauben, sie sei die Heimkehr eines neuen bekannten Landvogts, mit einem Fackelzug feiern wollen, wendet er dies ab und lenkt diesen auf den Familienchef Ehrenberg, der eine Dampferverbindung zur Insel plant. Zutritt zu diesen Preußen erhält Taken, der ihnen durch seine schnellen Skizzen aufgefallen war, um die kapriziöse Tochter Aglaia zu porträtieren. Als Taken bei einer Sitzung ihre Haltung verändert mit "en face", verstehen sie "ein Fass".[1]Aglaia wird von dem mitgereisten, duellsüchtigen Militär Strauchwitz im Stakkato-Jargon umworben, verliebt sich jedoch ohne sich zu verraten in Taken. Als sie den Antrag von Strauchwitz ablehnt, erweckt sie den Groll des Vaters, der gesellschaftliche und finanzielle Vorteile im Auge hatte. Dieser verstößt sie und offenbart, dass er sie als Halbjährige von Fischern übernommen hatte, die sie aus dem Meer gefischt hatten. Sie hat dieselbe Herkunft wie die gleichaltrigen Swen und Maiken gleichfalls ein Findling von der "Felicitas" wie sich später herausstellt. Aglaia flieht mit dem Gefühl der Verlassenheit und Heimatlosigkeit perspektivlos in die dramatisch bedrohliche Sturmnacht, d.h. in die Gegenwelt, für die sie nicht geschaffen ist. Man sucht sie im Fackelschein in Dünen und Moor, und Taken findet sie, die in Traumvisionen ihr Leben dahinschwinden sieht, noch rechtzeitig in letzter Minute (S. 324 f.). Die Ehrenbergs  hatten sich inzwischen besonnen und bekannten sich mit der Wahrheit über die Herkunft wieder zu ihrer Verantwortung. 

Demnach ist auch die schiffbrüchige Aglaia zunächst ein "namenloses Kind" gewesen (S.309). Das Autor führt diese geschwisterlichen Meereskinder schicksalhaft wieder zusammen und fügt Taken als Älteren hinzu. Der Liebe zwischen ihm und Aglaia steht nichts mehr im Wege, auch Strauchwitz nicht, der seine Hotel-Rechnung nicht bezahlte und vom neuen Landvogt in Haft genommen wurde, während sich die Ehrenbergs zur Hochzeit nach Berlin einschiffen. Als das Paar zurückblickt, flattert Wattenmeer ein todmüder Falter herbei, den Aglaia zum Schluss rettet.

 

 

 

Während Wilhelm Jensen in "Die Namenlosen" biographische Elemente nach dem Tod des Vaters schildert, also "post festum" oder "post patrem", und den Sohn die wahren Zusammenhänge erkennen und erleben lässt, ohne die seine weitere Zukunft eine andere Gestalt angenommen hätte, ist dies in der späteren Novelle "Ein Traum" gewissermaßen "ante festum", in der die biographische Parallele deutlich durch die Personen der Heiligenhafener Magd und des Kieler Studenten in ihrer Liaison antizipiert - und damit eine mögliche Sohnesproblematik durch eine vorzeitige Trennung abgewendet wird. Wir gehen auf die Einzelheiten besonders die soziale Diskrepanz in den weiteren Ausführungen noch ein. Scheint durch das Sylter Schuldgeständnis die Vaterrolle humanisiert, wenn auch in Grenzen, so ist auf der weiblichen Linie der Affäre es gerade die Magd, die sich der Ausgrenzung der Stadtgesellschaft gegenüber dem zögerlichen Studenten in ihrer Unabhängigkeit behauptet, und das für sie ohne familiäre Folgen. Jensen nimmt hier Partei für die Frau, die erst durch eine fast tragische Krise zu sich selber und zu ihrem sozial vorgeprägten Kontext geläutert und gestärkt zurückfindet.

 

Ein Traum (1882) 

     

    Im Hotel "Stadt Hamburg" hat ein uneheliches, ansehnliches Mädchen, "Aline", "Antje" in diesem Milieu gerufen, eine Art Gnadenstellung ("aus Barmherzigkeit") bei dem raffsüchtigen und moralisierenden Gastwirt Bartel Schmolk gefunden. Dieser weiß von den Eltern nur, dass die Mutter eine schöne Mamsell aus der Stadt war und der Vater nur kurz vor Ort. Der Bauer Christoph Störtebeker macht ihr zu Beginn der Novelle einen Antrag, dem sie zwar zusagt, aber noch abwartet. 

Wir sind also mit ihr auf einem Bedienstetenniveau, in das sodann ("elendes Nest", S.187) ausschweifende Studenten aus Kiel einbrechen und somit zwei soziale Kontexte aufeinander treffen, weil der Student Waldemar Rehwohlt und Aline, noch Antje gerufen,  sich fast spontan ineinander verlieben mit einer Textur von nächtlicher Wache, Traum und Realität. Die ganze Novelle ist allerdings trotz vieler Elemente aus Traumerfahrungen insgesamt kein Traum, sondern nur eine Metapher für das Scheitern Alines in der als unwirklich vorgestellten und ebenso erlebten bürgerlichen Welt der Stadt Kiel. Dabei sind durchaus psychologisch interessante Ansätze auszumachen, auf die man z.B. schon bei den Fragen des Jura-Studenten methodisch eingehen kann.

 

    Die Magd selber gilt als elternlos und muss für diese Schande indirekt büßen. Die anonyme Geographie illustriert allgemein die Bedingungen ihrer schwierigen Existenz: der Ort unten vor der Geestkante, auf der zwar oben der Bauer wartet, unten Badebetrieb und Hafen mit Bucht und Landzunge vor der Ostsee und später die Flucht in die Großstadt Kiel.

    Davon, wie die Magd Antje aufwuchs, erfahren wir nichts. Auf Geheiß des Wirtes bringt sie dem Studenten einen Nachttrunk, schwankt jedoch, ob alles wirklich oder ein Traum ist (S. 182 ff.). Der Student schläft schon mit ausgetreckter Hand auf der Decke, die sie im "Traumverlangen" ergreift (bis 197). Rehwoldt erwacht um Mitternacht zu einem Gespräch.

Er hat ihre fatale Abhängigkeit vom Wirt durchschaut und fragt nach ihrer Kindheit: S.197 "Sprich, was dir einfällt..", also in freier Assoziation. Sie versucht, Rechenschaft in dieser Geisterstunde abzulegen, hält weiter seine Hand und gewinnt ihn virtuell "lieb" in dieser surrealen Mondnacht unter dem Dach. Rehwoldt spricht von Mitgefühl (199), sodann auch von "Liebe" in Bezug auf diese Nachtwandlerin, deren Platz plötzlich gespenstisch leer ist (200 ff. ). 

Als die Studenten am nächsten Morgen aufbrechen, taucht sie nicht wieder auf. Rehwoldt lässt ein Goldstück als Trinkgeld zurück, das der Wirt einstreicht, und die  Clique bricht mit einem Segelboot durch den "flussartigen Hafeneinschnitt" (204) auf in Richtung auf das offene Meer zu ihrem "Heimziel" , d.h. die Universitätsstadt Kiel.

 

    Hier in der Mitte der Novelle - Jensen spitzt in vielen seiner kurzen oder längeren Texte gerade die Mitte des Gesamtablaufs dramatisch so zu, dass dieser dann in unerwartete Richtungen umschlagen kann - wird sich Rehwoldt im Zorn des Frevels bewusst, dass er in "jagender Hast" (205) seinem Glück unwiderruflich davonflog. Fast war die See schon erreicht, die sich hinter einem Steinwall der Landspitze auftat, als er Antine auf dem äußersten Granitstein in Sonne und Wind einen letzten Abschiedsgruß den Vorüberfahrenden zuwinken sah. Zum Schrecken seiner Kameraden steuert er auf sie zu, refft das Segel und nimmt sie, die den Sprung wagt, an Bord, um sie, sein "seliges, windumflattertes Traumgebild" (206), zu befreien. Die beiden Lebenslinien, die sich im Gasthaus kreuzten, vereinen sich an diesem Wendepunkt zu einem gemeinsamen Aufbruch. Antine überhöht diesen Augenblick ihres Glückes als Traum, begreift ihn dann aber mehr und mehr als Wirklichkeit, obwohl sie Rehwoldt noch als einen edlen und liebreichen Gott - der ja auch nur ein Mensch war - bezeichnet, an dessen Traumhand sie dann durch die große fremdartige Stadt geht (209).  

 

  Rehwoldt erweist sich als ihr getreuer Beschützer, aber nicht als ihr Liebhaber. Er bringt sie in einem Gasthof unter und kauft ihr neue Kleidung, ehe er sie dort verwundert allein lässt, weil es unschicklich ist, bei ihr zu bleiben als ein nicht mit ihr Verheirateter.  Schließlich findet er eine Wohnung für sie, wo er sie als seine "Cousine" ausgibt, was sie zwar beunruhigt, doch an seiner Liebe nicht zweifeln lässt. Er besorgt ihr Bücher, um Versäumtes, nicht Gelerntes nachzuholen und sieht die von ihm organisierte, sozial aufsteigende Anpassung als Äquivalent zu ihrer Schönheit in seinem und ihrem Interesse für ein noch nicht definiertes Später. Rehwoldts fürsorgliche Erwägungen und Liebeserklärungen bemänteln, dass er sie versteckt, denn er verbietet ihr, ihn zu Hause zu besuchen. Sie akzeptiert es: "Er dachte ja für sie, und ihr Kopf brauchte sich nicht drum zu bemühen" (224). Dank der Hilfe von zwei Lehrerinnen lernt sie Versäumtes mit überraschender Schnelligkeit. Rehwoldt nimmt sie mit ins Theater und in Museen, zieht sich jedoch immer rasch und gleichgültig von ihr zurück, wenn andere Leute in ihre Nähe kommen, und sie tut ebenfalls, als ob sie ihn nicht kenne und meidet auf der Straße an seiner Seite sogar das Sonnenlicht. Dabei macht sie äußerlich eine gute Figur, ja, sie scheint ungewöhnliche Züge zu besitzen, die auf vornehmere Abstammung hindeuten. Abends nimmt er vor ihrer Tür Abschied und tritt niemals ein mit der Erklärung: "Weil ich Dich lieb habe, Antine!" (230)

 

    Nach zwei Monaten ändert sich die Situation: binnen kurzem werde er sein Examen machen, könne als Anwalt ans Heiraten denken und in einer großen Wohnung leben. Antine fasst dies so auf, als habe er vor, eine andere Frau zu ehelichen, und sieht für sich nur noch eine Dienerinnen-Rolle in seinem künftigen Haushalt. Dass Rehwoldt sie aber als seine Ehefrau meint, begreift sie nicht. Ihr neuer bürgerlicher Erziehungsprozess ist aufgepfropft und hat sie innerlich nicht erreicht. Rehwoldt bleibt so vage, weil er die Einwilligung seines Vaters noch dringender braucht als sein Examen. Jetzt wird deutlich, dass 

"Ein Traum" nicht nur die Anpassungsversuche Antines an eine fremde Wirklichkeit betitelt, sondern den Lebenstraum des verliebten Studenten Waldemar Rehwoldt, der dieses Ziel vor dem Vater und der Gesellschaft noch weiter verbergen muss, damit dieser Traum einer unstandesgemäßen Verbindung nicht vorher zerplatzt.

    Diesen Entwicklungsprozess führt der Autor Jensen uns schrittweise vor Augen. Deshalb hat er jenseits seiner eigenen biographischen Fakten den verliebten, idealistischen Studenten Rehwoldt aus einer neuen Generation erfunden. Dieser kämpft gegen die Zwänge der autoritären Vaterinstanz, und man ahnt schon, dass er diesen Kampf nicht gewinnen wird, weil er sich schon durch die Verheimlichung der väterlichen Autorität unterwirft.

   Antine bleibt in allem außen vor. Auch das väterliche Haus, in dem eine große Gesellschaft stattfindet, zu der Waldemar später hingehen muss, betrachtet sie neugierig in dessen Glanz und möchte zumindest von der offenen Tür aus hineinsehen, ob Eltern und die Schwester Ähnlichkeit mit ihm hätten. Waldemar konstatiert, dass sie ihm sehr unähnlich sind, was auf den Umgang des Studenten mit einem niederen Stand abzielt. Jensen stilisiert die Distanz in fast ironischer Bitterkeit. Zufällig treffen die Verliebten die Familie im Zoo vor den Vogeldrahthäusern - man könnte nicht nur Antine im Habit des 19. Jahrhundert mit Federhut wirklich für einen exotischen Vogel halten. Waldemar begrüßt unvermeidlicherweise die Familie. Die Mutter geht zu einer ihr unbekannten Voliere und streift dabei die abseits stehende reglose Antine. "Ein recht feines, hübsches Mädchengesicht" (235), so die Mutter und die Schwester: "... eine ganz ordinäre Erscheinung, ... eine höhere Kammerzofe, die hier ein Rendezvous mit einem Feldwebel verabredet hat": Antine isoliert und deklassiert. Der Vater hingegen hält Waldemar für eine "lockeren Vogel", weil jemand ihn mit einem hübschen Mädchen am Arm auf der Straße gesehen habe. Er hoffe, dass er nach dem Examen dem Vorbild seines reichen Vaters Ehre mache. Antine versteht von allem nichts und stellt nun auch die Unähnlichkeit Waldemars mit den Seinen fest und fühlt sich schmerzvoll an Bartel Schmolk erinnert. Die gemeinsamen Lebenslinien laufen auseinander und auch der Frohsinn droht zu versiegen. 

   Mitte Oktober überbringt Waldemar Rehwoldt ihr die Botschaft seines rühmlich bestandenen Examens. Er lädt sie zur Feier des Tages ins Theater ein, wo sie wieder getrennt von ihm ist: man gibt das Schauspiel "Romeo und Julia", von dem sie nie gehört hatte. Erfreut erblickt sie Waldemar in der Nebenloge und ihre Blicke konnten sich treffen, ohne dass die Umsitzenden es wahrnahmen.

  Mit nur wenigen Strichen hat Wilhelm Jensen die Tragödie in nuce als die der beiden angedeutet: die feindlichen Eltern seinerseits (auf Antines Seite niemand als sie selber), die Verheimlichungen und statt der Balkonszene zumindest eine Loge mit verkehrten Plätzen. Obwohl Antine die Vorgänge und Worte auf der Bühne nicht begreift, erfasst sie sie, denn ihr "Herz hatte .. schon ebenso geredet und brauchte keine Belehrung, um jeden Klang, jedes Gefühl in ihnen zu verstehen" (242). Ihr wird im Blick auf Waldemar klar, warum Romeo plötzlich Julia küsst. Und dann noch eins: beide wollen heiraten, aber die Eltern verweigern die Einwilligung und "daraus entsprang alles Unglück" (243). "Heirate man sich auch, weil man sich lieb hatte?" Und warum heiratet Waldemar sie nicht? Ihre innere Antwort: "Ein reicher Mann heirathete nur ein reiches Mädchen, die armen wollte keiner" (244). Das hatte sie schon immer gewusst. Er konnte sie nicht heiraten. Und sie erblickt Christian Störtebeker vor sich, der sie trotz ihrer Armut heiraten wollte, warum dann nicht Waldemar?

 

   Dieser führt sie in einer großen Restaurationswirtschaft in ein kleines Separatzimmer, um ausgesuchte Speisen fast wortlos zu sich zu nehmen. Waldemar stößt abschließend auf den kommenden Tag mit Champagner an, denn er will, was Romeo nicht konnte, die Einwilligung seines Vaters zur Heirat verlangen. Da Antine wiederum nicht versteht, dass sie es ist, die er heiraten will, nennt er sie endlich, "Antine - meine holde Braut" (248). Sie ist überglücklich und möchte wie im Rausch noch mehr. Doch er will warten, obwohl sie ihm vorschlägt, wie Romeo heimlich durch das Fenster in ihr Zimmer zu kommen. Sie übt mit dieser Liebesprobe Druck auf ihn aus, so dass er tatsächlich in diese Rolle schlüpft und sie zum ersten Mal küsst, sie aber dann jäh verlässt. Allein gelassen träumt sie: der Traum brachte ihn zurück ".. und sie saß in einem fremden Zimmer an seiner Seite und war seine Frau". (253)

  Dies erfüllt sich allerdings nur in dem Traum jener Nacht. Den ganzen nächsten Tag lang wartet Antine angstvoll auf Waldemar und vertraut sich ihrer Wirtin an, die sie vor ihrem sogenannten Beschützer warnt. Am Morgen darauf läuft sie verzweifelt in die Stadt und entdeckt zufällig in der dichten Menschenmenge einer Hauptstraße die Gestalt Waldemars. Sie ruft ihn an, er dreht ihr den Kopf zu und stürzt "wie von dem Auftauchen eines Gespenstes erschreckt" (257) sich wieder in die Menge.

 

   Fünfzehn Seiten vor dem Ende der Novelle markiert ein dreigestirnter Absatz diese flüchtige Vision, die die Beziehung von Antine und Waldemar zu beenden scheint. Wilhelm Jensen übernimmt aus dem Tragödienschema die Katastrophe, d.h. die auf das Finale zielende Wendung aus der Perspektive Antines. Ihr Warten und ihre Erwartung waren erfolglos, ihr Traum ein böses Erwachen. Das ist in der Tragödienstruktur die fatale Dynamik, die die Helden erst langsam zu verstehen lernen. Jensen arbeitet dabei auf mehreren Ebenen in Bezug auf den Horizont des Lesers und immer stärker auf den sich erweiternden Antines. Für den Zeitgenossen ist unübersehbar das Lohengrin-Motiv der tabuisierten Namensnennung im Zusammenhang mit der Hochzeit, die dort in der Sage wie hier in der Ankündigung Waldemars die Hoffnungen zerstört. 

   Antine ist in die fremde Realität hineingeworfen und versteht verstandesmäßig zunächst nichts, dann weniger und schließlich das Wesentliche. Ihre von Jensen progressiv vorgeführte Welterkenntnis enthält jedoch, erweitert und überwindet langsam ihre eigenen bewährten Verstehensmechanismen wie den Traum, ihr innerstes emotionales, vom Herzen kommendes Wiederentdecken wie bei der Aufführung von Romeo und Julia und neu die reflektierte Erfahrung ihrer Rolle in der Pension, im Zoo oder vor allem auf dem Theater, das Jensen für sie präfigurierend vorführt und sie ermutigt danach handeln lässt. Während die Gestalt Waldemars in ihrer Abhängigkeit ihre persönliche wie narrative Kontur verliert, gewinnt Antine an Profil und Autonomie, wenn auch schmerzvoll und zunächst ohne Aussicht. 

 

   Bei aller Intertextualität darf man nicht vergessen, dass das Grundproblem dieser schwierigen Liebesbeziehung in der mangelnden Akzeptanz Antines in der sozial und ökonomisch höheren Klasse Waldemars begründet ist, in die hinein er mit schwindender Hoffnung seine Geliebte, die er im Boot herbeiholte, verankern möchte.

Wilhelm Jensen entwickelt den Charakter des verzweifelten Waldemar Rehwoldt kontrastiv zu dem Antines, ja fast spiegelbildlich, denn der examinierte Intellektuelle fällt in seiner Verzweiflung zurück in ein tragisch-mythisches Denken, das zwar auf der Bühne ablief, ihn aber in der Wirklichkeit nun in die Rolle von Romeo lenkt.

   Von diesem Wendepunkt an geht Wilhelm Jensen eigene Wege mit dem Shakepeareschen Modell, d.h. er adaptiert den Stoff frei mit Milieuwechsel ebenso wie es vor ihm Gottfried Keller in seiner unsterblichen Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe" 1873 getan hatte. Zwischen Jensen und Keller gab es indirekte Kontakte über Theodor Storm. Später, 1889,  schreibt Jensen ein Gedicht auf Kellers letzten Geburtstag. "Romeo und Julia" tauchen 1902 in Jensens "Der Schleier der Maja" wieder als tragisches narratives Muster auf.

Erinnern wir uns, dass bei Shakespeare die Tragik darin endet, dass Romeo die nur in einen Tiefschlaf versetzte Julia für tot hält und sich daraufhin vergiftet. Sie erwacht allerdings wieder und findet den Geliebten tot, woraufhin sie sich erdolcht.

Auch bei Keller endet die Novelle mit einem gemeinsamen, aber erfüllten Tod der Liebenden.

 

   Aline kehrt "gedankenleer" in ihr Zimmer zurück "müde im Kopf und im Herzen" (258). Was sie seit drei Monaten gelernt hat, ist ausgelöscht bis auf ein dumpfes Gefühl von Sehnsucht. Doch im folgenden, wieder zerrinnenden Traum erscheint Waldemar überhöht in einer Apotheose, die sich realisiert, denn jener erscheint vor dem Fenster, in das Antine ihn hineinzieht.

Seine Erklärung ist für Aline wie ein Schock: er habe sie nicht wiedersehen wollen, sei jedoch durch das zufällige Treffen umgestimmt worden, woran sie Schuld sei. Er habe zweimal mit dem Vater gesprochen. Dieser wolle ihn im Falle der Heirat enterben. So lange er lebe, werde er dabei bleiben. Es sei denn, Waldemar vergifte seinen Vater. "Es lag etwas Irres in seiner Sprache und seiner Haltung" (260).

Antine schlägt freudig vor, ihr bisheriges Verhältnis einfach fortzusetzen. Er möge nur jeden Abend kommen. Sein Verhalten befremdet sie indessen: er ist betrunken vom Champagner, den sie zuvor nicht geöffnet hatten, und beginnt sie zu umfassen und zu küssen. Sie ringt sich los und sagt "das bist Du nicht" (261). 

"Es ist Romeo, Antine, der bei der Nacht zu Julia kommt, die nicht vor der Welt seine Frau sein kann. Aber lassen kann ich nicht von Dir und verlasse Dich nicht, so lang ich lebe. Ich liebe Dich zum Wahnsinn, Antine, und die Liebe muß Dir sagen - gieb mir den Lohn, mit dem Julia auf Romeo harrte" - (ebda.)

Antine versteht nicht, was er mit Lohn meint. Er zitiert Shakespeare "Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht" (262) und dringt auf sie ein, um endlich den fehlenden Liebesakt zu vollziehen, von dem Antine nur dumpf ahnt, dass es ihn gibt. Ihr Schreck ist tödlich, sie ist voller Entsetzen, Abscheu, Fieberglut und eisigem Frost und  - sperrt den Rasenden aus. "Mit dem Instinkt eines bedrohten Tieres" (263) gleitet sie aus dem Fenster und flieht ziellos in die finstere Nacht.

Am nächsten Morgen fragt sie sich zum Bahnhof durch und fährt zurück in ihren Heimatort, also nach Heiligenhafen.

Diese Entwicklung scheint weit von der Tragik des Original-Dramas entfernt, das nur noch als Folie dient, um die innere Situation Antines zu verdeutlichen. Sie ist wie Julia erwacht und begegnet einem Pseudo-Romeo, der Gewalt ausüben will, den sie nicht wiedererkennt. Der vertraute Beschützer ist nicht mehr mit ihm identisch. Ihre Flucht ist gewissermaßen der soziale Endpunkt der Assimilation an die bürgerliche Welt Waldemars, die jenen für immer verschlingt. 

    Was bedeutet dies für Antine, die nur aus der Perspektive Waldemars eine Julia geworden war? Sie hat sich selbst behauptet, ihre reinen Gefühle nicht unterdrückt und ihre Unschuld in einer ausweglosen Situation bewahrt, wiewohl

unaufgeklärt und erstaunlich naiv.

Das neue Leben ist das alte. Im Gasthof "Zur Stadt Hamburg" stiehlt Schmolke ihr das letzte Geld und beschimpft sie übel als "verlaufene Dirne" von der Sorte ihrer Mutter. Sie flieht erneut, diesmal hinauf auf die Anhöhen oberhalb der Stadt und bricht dort zusammen. Dann erinnert sie sich an eine tiefe Zisterne, findet sie auch wieder und erblickt darin ihr Spiegelbild. Da unten wäre eine Ruhestatt für sie. Noch zögert sie, hinunter zu springen. Da steht plötzlich Christian Störtebeker neben ihr und glaubt, sie sei seinetwegen endlich gekommen. 

    Über Aline schlagen die Ambivalenzen ihrer Lebenserfahrung zusammen: lag sie schon unten im Wasser oder hatte sie in einer Sekunde alles geträumt? "Mechanisch raffte sie einen Stein vom Boden, ihre Lippen murmelten: "Traum - " und sie warf den Stein gegen ihr Widerbild, das unter den Kreisen des aufschlagenden Wassers verschwand." Sie ist zurück in der Wirklichkeit, und zwar in einer ihr offenbar sozial angemessenen und folgt Christian in seine Welt, die unzweifelhaft nun auch ihre sein wird.

    Weshalb bedient sich Wilhelm Jensen der Hauptmotive aus Romeo und Julia wie zuletzt des hier unterbrochenen Selbsttötungsprozesses von Antine? Sie verdeutlichen mit einem neuen Akzent auf der weiblichen Seite die lebendige Selbstfindung in sehr differenzierten gesellschaftlichen Zusammenhängen bzw. Zwängen, aus denen sich hier die Heldin befreit. Das ist und war immer der Sinn des tragischen Mythos, der hier in "Ein Traum" den Blick auf eine weibliche psychologische Progression richtet und sie in einer nicht idealisierten Eigenständigkeit aufwertet.

Die tödliche Liebe Romeos und Julias ohne Nachkommenschaft sowie die psychisch wie physisch unerfüllte von Waldemar und Antine führen zwar nicht zum Autor hin, könnten jedoch als Vorstufe einen Schluss wollen, der

nicht in die Diskriminierung führt, sondern zu einen biographischen Hiatus, der nicht die eigene Geschichte wird.

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1]Hier lässt sich eine konkrete Verbindung dieses Romans mit Jensens Novelle "Namenlos" (1872) herstellen:

Die beiden "namenlosen", weil erfolglosen Künstler (nur mit Vornamen präsentiert), ein Poet und ein Maler, führen in einer Art Bohème-Komödie ihre Gastgeber mit ebensolchen Verständnisproblemen bei Fremdwörtern an der Nase herum, um sich von ihren Schulden bei ihnen zu befreien. Ihre Phantasie-Intrigen nutzen dabei die Eitelkeit der Kleinbürger aus. Hinter dem Maler, so Erdmann 1907, S. 79, verbirgt sich Jensens Schulfreund Carl Tuerck.