Wilhelm Jensen: Inhaltsangaben von Romanen und Novellen
Heimath, 1901
Erlebte Geschichte eines jungen Mannes aus der Wetterau in der Phase der napoleonischen Krieg ab 1806 bis hin zum Ende. Wie ich schon im Essay über Jensens Konzept des poetischen Realismus sagte, wird er zunehmend ab Ende des 19. Jahrhunderts faktisch historisch in langen Passagen, in die er seine Protagonisten als Zeitzeugen einfügt, aber sie vielleicht zu Recht nur zu Details des Ganzen herabstuft. Das ist in der ersten Hälfte noch nicht der Fall. Sie ist eine gut und gefühlvoll unintellektuelle Erzählung der Freundschaft eines adligen französischen Flüchtlingskinds ohne Eltern und seiner Ziehschwester Gela in bescheidenen Verhältnissen, in die die französischen Besatzer einbrechen und ihn als ihresgleichen in Anspruch nehmen. Aber sein französisches Pflichtgefühl, das er durch sein Engagement bei den würtembergischen Truppen auf Seiten Napoleons einlöst, weicht, bestärkt durch tragische Freundschaften der Entdeckung der Heimath, die er gegen den Feind zu verteidigen beginnt, erst bei Schill, dann als Lützower Jäger bis zur Rückkehr und einem Happy End. Kleine Traumepisoden spiegeln Erlebtes in Grenzsituationen zwischen Leben und Tod. Am Schluss S. 299 doch kräftige nationale Töne ohne Hass.
Le nouveau va s’appeler Wilhelm Jensen: Politik und Literatur 1869-1872 où il y a les extraits du Flensburger Norddeutsche Zeitung avec ses polémiques contre L’église catholique, les Danois et les Français, les nouvelles, la correspondance avec Raabe, les romans de Karin à Nach hundert Jahren. Il est maître de tout: Dido, la tragédie et des poèmes s’y ajoutent. Actuellement je tape une suite d’articles: „Aufräumen!“, le bilan polémique des relations entre L’Allemagne et la France.
Pour ne pas oublier les Lieder aus Frankreich. Il est national, Prussien et aime une France virtuelle. Sa rencontre avec Hugo à Paris après l’armistice en est une preuve que Heyck met en doute. Maintenant je vois plus clair. Il faut tout intégrer. Si dans Nach Hundert Jahren il reprend les amours de Goethe avec une Strasbourgeoise, le nouveau couple est certainement franco-allemand selon son concept de fraternité dans les Lieder.
Auf der Feuerstätte. Leipzig: Carl Reißner 1893, Bd. III, S. 191 ff.
Sprechen im Traum
In diesem völlig vergessenen, eindrucksvollen historischen Roman über den großen Hamburger Brand von 1842, der in der Großstadt Hamburg und südlich davon spielt und die Vorgeschichte der Katastrophe und die darin verwickelten Personen aus bürgerlichem Kaufmannsmilieu und adligen Hofbesitzern in den Vierlanden schildert, bricht das verheerende Feuer in der Deichstraße erst auf den letzten fünfzig Seiten (von rund 550) aus entsprechend dem Tragödienschema und motivisch mit einer aufflammenden, Standes übergreifenden Liebe.
Die im brennenden Haus der Kaufmannfamilie eingeschlossene Hedda kann im letzten Augenblick als einzige gerettet werden und liegt lange in todesähnlichem Schlaf.
Seit Aeneas’ Traumheimsuchung durch die verbrannten Troianer wie Hektor und Kreusa in Jensens Tragödie „Dido“ (1870) findet sich wohl keine längere Passage bei Jensen, wo die Traumbilder zu gesprochener Sprache werden. Waren es bei Aeneas/Dido noch Blankverse, so bricht hier konvulsivisch das Erlebte aus Hannas Taumbewusstsein hervor:
S. 191:
Der Feuerschein fiel durch das nach Osten gerichtete Fenster taghell mit rothem Glanz bis in die Stube herein, dann mischte sich ihm allmählich der Morgenschimmer des Himmelfahrtstages hinzu. Ob von dieser Veränderung des Lichtes vor den geschlossenen Augenlidern, oder wovon sonst, Hedda, die bisher unbeweglich und lautlos gelegen, begann mit dem Weitervorschritt der Morgenhelle unruhig zu werden. Im Schlaf rannen einzelne Töne und Worte über ihre Lippen; sie zuckte zusammen, bewegte sich; man erkannte deutlich, ein Traum versetzte sie heftig in (S.192:) in Erregung, führte ihr rasch wechselnde Bilder an den Sinnen vorüber. Nun befand sie sich offenbar in dem brennenden Hause, sie stieß mit fliegendem Athem aus:
„Nein – nein – ich will nicht – lieber todt! Geben Sie mir meinen Brief wieder, Dependorp – Sie sind so gut – aber ich kann nicht. Sie wollen ein Herz von mir – aber ich habe keines – ich habe es verloren – da – da drüben im Moor – der Sergeant weiß, wo – „
Ihr Mund murmelte etwas Unverständliches hinterdrein, doch dann warf sie ihren Kopf herum und rief:
„Fort – Dependorp – fort – schnell! Da die Mauer – sie bricht – um Gottes willen – Dependorp! Oh –“
Ein langgezogener Klagelaut folgte und etwas danach ein leises:
„Er ist todt – der Gute – er hat mich lieb gehabt. Aber ich konnt es nicht – ich that’s nur, weil –„
Eine Zeit lang ließ sich weiter nichts vom Gerede der Träumenden verstehen, bis einmal eine deutliche, hörbar an eine andere Person gerichtete Frage kam:
„Wer sind Sie? Warum sprechen sie so sonderbar mit mir? Ich bin ja nicht Ihr Kind – und ich (S. 193:) fürchte mich vor Ihnen. Ihre Augen thun’s nur – wenn sie mich ansehen, muß ich. Nein, ich will nicht gerettet werden – wozu? – Lassen Sie mich auch verbrennen. Mir ist’s das Beste – und mit mir meinen Sie es doch gut. Warum, weiß ich nicht – ich fühl’s nur –„
Es schien, dass Hedda’s Erregung sich beschwichtigte, sie lag still. Aber plötzlich schrie sie laut auf:
„Nelly! – da ist sie – bei ihm in der Stube! Nein – nein – ich will nichts hören – er soll nicht über mich lachen. Ich bin eine Dienstmagd und war blind, thöricht im Kopf, zu glauben – nun ist er fort mit ihr. Da ist Herr Oskar – er hat den Riegel losgemacht und bringt mir das kostbare Armband. Wie’s am Boden springt und zersplittert! – Warum tritt der andere mit dem Fuß darauf? Was will er bei mir? – Weg – ich bin Dependorps Braut! Ich hab’s ihm geschrieben – nein, ich will’s schreiben –„
Da geriet es wirklich mit Beruhigung über sie, ihre Brust athmete langsamer, und ein veränderter Ton war’s, mit dem sie nach einer geraumen Pause hervorbrachte:
„Wer hat eben gefragt: Lebt sie?“
Wieder verging eine Weile, dann öffnete sich Hedda’s Mund noch einmal zu einigen Worten von einem tief ruhvollen, traumhauft seligen Klang: (S. 194:)
„Ja, Up die Füerstedt hieß es. Die Nacht war so warm – das kam von der Hand her, auf die er seine Schläfe gelegt. Bis zum Morgen – zum Morgen –„
Wie Morgenröthe am nächtlichen Horizont, dämmerte es leis um ihre Lippen herauf, deutlicher, ein spielendes, nun fast schalkhaft anmuthendes Lächeln, mit reizvollem Lebensausdruck das blasse Gesicht überhellend. Ohne sich zu regen, hatten Erna und Hartwig den Einbildungsvorstellungen der Träumenden zugehört, der Letztere mehr und mehr langhin verhaltenem Athems. Doch trotz seiner Unbeweglichkeit verrieth sich höher und höher in ihm aufsteigende innere Unruhe; seine Glieder durchlief ein Zittern, die Farbe seiner Züge wechselte hastig zwischen Röthe und Blässe. Nun sagte er unbewußt halblaut:
„Up de Füersted – ja, so hieß es.“ Er drehte den Kopf mit einem abwesenden Blick nach dem durch’s Fenster einfallenden rothen Flammenlicht: „Wie ein geisterhaftes Vorausklingen – „Auf der Feuerstätte“ –„
Da kam ein tief Athem holender Seufzer aus der Brust Hedda’s, sie schlug die Augen auf und fragte, das letzte von ihr im Traum gesprochene Wort wiederholend:
„Morgen – ist es denn schon Morgen?“ Nun erblickte sie Hartwig und setzte mit dem Lächeln um (S. 195:) um den Mund hinzu: „Sind Sie schon zum Gehen fertig, Herr Straßer?“ Aber gleich danach stieß sie, jäh zusammenschreckend, aus: „Wo bin ich? Was wollen Sie? Ich will fort – fort –„
Sie war wach, doch in anderer Art als bisher der Vernunftbesinnung beraubt. Aus iher Lage in die Höhe fahrend, warf sie die weiße Decke von sich, so daß ihre gelösten Kleider, herabfallend, einen rosigen Schein ihrer halb unbedeckten Schulter und Brust aufglänzen ließen. Aber nur einen Augenblick. Im nächsten hielt Erna sie, schlang rasch die Decke wieder um sie und sagte:
„Bleib ruhig, liebe Hedda – Du kannst so nicht – geh hinüber, Hartwig, ich will ihr bei Ankleiden helfen.“
Aufräumen!
(Fortsetzung)
Diesem Verhalten Göthes gegenüber dürfen wir Heine nicht vergessen, daß er in seinem gereifteren Alter, besonders nachdem er seinen Aufenthalt in Paris genommen, vollständig die Hohlheit des Franzosenthums und die tiefe Überlegenheit des deutschen Wesens anerkannte und dieser Überzeugung in seiner stets nach allen Seiten Raketenfeuer entsendenden Weise rückhaltlosen Ausdruck gab. Unter dem „esprit“, mit dem er seine Worte umhüllte, vergaßen die Franzosen die schneidende Verurteilung, welche ihre „Große Nation“ von ihm erlitt. Sie waren zufrieden, in dem Spiegelbild, das er von beiden Völkern zeichnete, die glänzende Schale zu bilden, und verziehen ihm leicht, wenn Deutschland darin als der schmucklose, für sie nicht verständliche Nachbar erschien. Aber wir haben wohl eine Pflicht, heut’ an seine schönen prophetischen Verse zu denken:
„Deutschland ist noch ein kleines Kind,
Doch die Sonne ist seine Amme;
Sie säugt es nicht mit stiller Milch,
Sie säugt es mit wilder Flamme.
Bei solcher Nahrung wächst man schnell
Und kocht das Blut in den Adern.
Ihr Nachbarskinder, hütet euch
Mit dem jungen Burschen zu hadern!
Es ist ein täppisches Rieselein,
Reißt aus dem Boden die Eiche
Und schlägt euch damit den Rücken wund
Und die Köpfe windelweiche.
Dem Siegfried gleicht er, dem edlen Fant,
Von dem wir singen und sagen;
Der hat, nachdem er geschmiedet sein Schwert,
Den Amboß entzwei geschlagen!
Ja, du wirst einst wie Siegfried sein,
Und töten den häßlichen Drachen,
Heisa! wie freudig vom Himmel herab
Wird deine Frau Amme lachen!
Du wirst ihn töten, und seinen Hort,
Die Reichskleinodien, besitzen.
Heisa! wie wird auf deinem Haupt
Die goldne Krone blitzen!“
Doch diese Wandlung in der Gesinnung des Dichters war, wie gesagt, in Deutschland kaum wahrgenommen. Die Julirevolution hatte abermals alle Augen auf Frankreich und den weißköpfigen „Helden zweier Welten“gerichtet. Béranger und Lamartine wurden begeistert diesseits des Rheins übertragen und nachgeahmt; Nikolaus Becker’s nationales Gedicht: „Sie sollen ihn nicht haben“ veranlaßte die Literaturfreunde nur zu mündlichen und schriftlichen Exkursen darüber, daß die übrigen Dichtungen desselben ohne Werth seien und dies deshalb muthmaßlich auch keine Bedeutung für die Poesie habe. Daß es eine hohe politische Bedeutung haben könne, fiel Niemandem ein. Nun wurde der „Bürgerkönig“ in Paris mit seinem Regenschirm das Ideal des deutschen Spießbürgers und Thiers als größter Historiker aller Zeiten vergöttert. Guizot’s Worte waren Orakel politischer Weisheit. Wenn Jemand auf den larvirten Chauvinismus, der hinter beiden lauerte, hinwies, wurde er verlacht. So schleppten unsere Zustände sich, faul und innerlich immer mehr französisiert, bis zum Jahre 1848 hin.
Was dann, nach dem Sturmwind, der über Europa hinbrauste, und nach dem 2. September 1851 folgte, ist der eignen Erinnerung der meisten Lebenden angehörig. Ein Kaiserreich baute sich auf aus Gewalt, Verrath, Meineid und Bürgerblut und den Baumeister hieß man in Deutschland den „Retter der Gesellschaft“. Was dies zweite Kaiserreich, das nah dem Vorbilde des ersten, Europa innerhalb 20 Jahren mit drei furchtbaren Kriegen, mit dem Blut fast einer Million Menschen überschwemmte, in sozialer und sittlicher Beziehung aus sich gemacht und wie eine eiternde Pestbeule ringsum den Nachbarvölkern seine Giftstoffe zugeathmet, haben wir kurz in den Eingangsworten dieser Zeilen ausgesprochen. Allein wir besitzen noch eine andere, früher geschriebene Charakteristik. Wir glauben keinem Verdachte mehr zu unterliegen, daß wir zu den Verehrern des „großen“ Napoleon gehören, dessen umgelogenen Ruhmesmantel sein Neffe heut’ mit sich selbst für immer in den Koth gezogen, doch trotzdem findet sich in den „Mémoires de St. Hélène“ ein Abschnitt, den man mit Bewunderung zu lesen gezwungen wird. Nicht mit Bewunderung für den Schreiber, sondern für die Tathsachen. Mit Bewunderung dafür, wie der Meister der Lüge eine Darstellung des Lügensystems, dessen oberste Spitze er bildete, zu geben verstand, die nicht nur für das erste, sondern Wort für Wort dem zweiten Kaiserreich entnommen zu sein scheint. Dies sind die Worte aus dem dritten Bande der „Werke Napoleons“:
Ich hatte nicht nöthig, ihnen (seinen Zeitgenossen) Schlingen zu legen, um sie zu fangen. Es reichte hin, ihnen den Becher der Auszeichnungen und weltlichen Reichthümer zu zeigen, daß man sie, einem Schwarm ausgehungerter Fliegen gleich, gierig darüber herstürzen sah, sich zu sättigen – –.“
„Nach diesen Betrachtungen ist es unmöglich, daß sie lange Zeit in Frieden zu existiren vermögen. Wenn Gott selbst ihnen ein Paradies schenkte, müßten sie es wiederum verlassen, weil sie den Stand der Unschuld verlassen, für den jenes geschaffen.
Die Habgier, der Neid, die Eitelkeit, die falsche Ruhmsucht und eine unendliche Anzahl von Bedürfnissen und unbezwinglichen Leidenschaften verfolgen sie wie Furien durch’s stürmische Leben. Sie reden beständig von Großmuth, Tugend und Liebe, während Eigennutz und Ehrgeiz, unheilbarem Krebse gleich, an den geheimsten Falten ihres Herzens nagen. Sie kennen sehr gut den Gebrauch unserer Zeit, sich den Anschein zu geben, als dienten sie Gott und liebten die Menschen, um sich im Geheimen jeder Gattung schmachvollster Handlungen hinzugeben. Sorgfältig verbergen sie unter der Maske der Heuchelei, mit der sie sich unausgesetzt verlarven, ihre Bosheit und ihre Verbrechen und zeigen äußerlich Tugenden, die sie nicht besitzen. Durch schmeichlerische Redensarten äffen sie sich gegenseitig, und obwohl Keiner unter ihnen an die Ehre des Anderen glaubt, so spielen sie doch die eingelernte Rolle miteinander aus Feigheit, da ihnen der Muth fehlt, sich so zu zeigen, wie sie sind. Diejenigen sind noch die Besten unter ihnen, die man am häufigsten verdammt, weil sie sich nicht darauf verstehen, sich zu verstellen und die falsche Tugend der Übrigen ihre Laster noch greller hervorhebt. So ist mein Jahrhundert. Alle Bande der Freundschaft und des Wohlthuns sind zerrissen und existiren nur noch der Form nach; der Geist der Tugend ist auf allen Seiten verschwunden und hat nichts zurückgelassen als sein Leichentuch, mit dem sie, obwohl ohne gesunden Sinn und Menschenverstand, spielen, wie Kinder mit ihrer Puppe. Das Gesetz ist nur ein leeres Wort, dem einzig die Gewalt Werth verleiht; wer sich ihm nicht entziehen kann, muss sich ihm natürlich unterwerfen. Die List und die Gewalt theilen sich in die Beute der ganzen Welt.
„Die Vorzimmer täuschen sich gegenseitig durch eine konventionelle Heuchelei, öffentlich durch gefährliche und schädliche Betheuerungen, so daß der Betrogene doch genöthigt ist, den Betrüger zu ehren. Wenn diese eitlen Gräber sich auf den Ruf der himmlischen Stimme öffneten, so würden die Menschen sich selbst mit einer Art von Abscheu fliehen, weil die verdorbene Luft ihrer vernichteten Moralität sie mit ihrem Hauche verpesten würde. Es thut ihnen Noth, sich mit einer weichen, dichten, wohlriechenden Hülle zu umgeben und mit einem Scheine der Gefälligkeit, um das Stinkende und Ekelhafte ihres intellektuellen Innern zu verbergen. Um dem Auge des gemeinen Haufens ihre schlechten Sitten zu entziehen, mußte man ihr anmuthiges Wesen annehmen, was man in der guten Gesellschaft „savoir vivre“ nennt. Das Leben der höheren Klasse ist nichts als eine fortgesetzte Lüge, die niedere Klasse ist nicht viel besser. Der Unterschied ist der, daß diese letztere mit weniger Bosheit handelt und folglich minder lasterhaft ist als die erste – – – –.
„Es gibt für Niemand ein Glück, als in der einfachen Natur. Verzichten wir auf alle diese frivolen Gebräuche, alle diese theatralischen Karikaturen unserer Zeit; seien wir aufrichtiger, minder höfisch, ernster, überlegter und minder äffisch. Das ist das sicherste Mittel, das goldene Zeitalter wieder unter uns erstehen zu sehen. Die Zivilisation und die Kultur haben eine unendliche Menge von Bedürfnissen hervorgerufen und in uns alle eingeschlafenen Leidenschaften neu erweckt. Aber was noch schlimmer ist, eben diese Kultur lehrt uns, unsere Laster unter dem Scheine der Tugend zu verbergen, weil der kultivirte Geist stets zu Dienst des verderbten Herzens ist. Diese falsche Münze der Moral setzt unserer Bosheit die Krone auf. Das Privatleben der Zeitgenossen ist nichts, als fortwährendes Geschwätz ohne Sinne und Verstand, eine unzusammenhängende Unterhaltung, die Lektüre einer sorgfältig studirten Rolle. Alles, was sie sagen und thun, ist nichts Anderes, als ein Thema, das der Schullehrer aufgab, und das sie uns dann, wie kleine Schüler, hersagen. – – Das Wenige, was ihnen von Tugend noch bleibt, bieten sie prahlerisch zum Verkaufe aus und finden doch keine Käufer für ihre schlechte Waare.“
Das ist ein Auszug aus dem Urtheil, das der erste Napoleon seiner grübelnden, rückerinnernden Verbannung auf Sankt Helena über Frankreich – und nur über dieses? – fällte. Er vergißt einzig, daß er es zugleich auch über sich selbst ausspricht. Daß er das Haupt dieser seiner geschwächten „Zeitgenossen“ bildete und daß zum großen Theil sein Vorbild, sein Wille sie zu dem gemacht, was er in ihnen vorfand. Doch hiervon abgesehen, wer erkennt nicht die tiefe Wahrheit der angeführten Worte? Und wer erkennt nicht, daß sie nicht nur rückgreifend das erste, sondern vorausblickend noch treffender das zweite Kaiserreich schildern?
Dies allein? Wir haben die Frage schon einmal gestellt. Erstreckt das schneidende Urtheil Napoleons sich nur auf s e i n Volk, oder fallen schwere Schlossen der Wahrheit daraus vernichtend auch auf das geile Wachsthum der Niederträchtigkeit, die der Eroberer, ihm die Wege bereitend, diesseits der Grenzpfähle Frankreichs vorfand?
Und wenn wir jene Worte als vorausblickende betrachten, halten sie sich da jenseits des Rheines und prallen von u n s e r n „Zeitgenossen“ wie von ehernem, makellosem Schilde ab?
Mit dieser Frage sind wir zu den Fragen zurückgekehrt, die wir im Beginn gestellt.
Die Antwort kann nach dem Rückblick, den wir auf die letzten Jahrhunderte unserer Geschichte geworfen, und nach vielfachen allgemein bekannt gewordenen Vorgängen der nächsten Gegenwart nicht zweifelhaft sein – sie lautet N e i n. Sie lautet dahin, daß die schwersten Schädigungen, die tiefste Schmach, die Frankreich uns seit mehr als zweihundert Jahren zugefügt, das Blut von Milllionen deutscher Söhne, das es gefordert, nicht vermocht hat, das einem Theil unseres Volkes tiefeingewurzelte Übel der Nachäffung französischen Wesens auszurotten. Daß selbst jetzt noch, wo die Reihen unserer ganzen heldenmütigen Jugend von den Kugeln des Chassepots und der Mitrailleusen gelichtet worden, viele der unthätig Zurückgebliebenen nach den Mördern ihrer Kinder, als nach Wesen f e i n e r e r Art hinüberschielen.
(Forts. folgt)
Wir sind keine deutschthümelnde Narren, die das Fremde verwerfen, weil es fremd ist. Die Haar und Bart wachsen lassen, weil die alten Germanen das erste bis auf die Schulter und den letzteren über die Brust herabreichen ließen, die den Stolz eines echten teutonischen Jünglings im ungewaschenen Hemdskragen und ungekämmten Haupthaar, die Anmuth einer deutschen Jungfrau als nur im verwachsenen Flügelkleide denkbar erblicken. Im Gegentheil, wir huldigen durchaus dem Grundsatz, daß die Kultur in einem feststehenden Verhältnis zum Seifenverbrauch steht. Und ebenso haben wir nie je den mörderischen Ausrottungskrieg bejubelt, den die Junggermanen und andere löbliche Korporationen, deren Mitglieder sich beneidenswerther Mußestunden zu erfreuen scheinen, gegen die in unsere Tages- und Schriftsprache aufgenommenen Fremdwörter begonnen. Es wird uns niemals einfallen, statt Extablatt „Sonderbeilage“ und statt Telegramm „Drahtnachricht“ zu scheiben. Unsere Kunst, Wissenschaft, Technik ist genöthigt und wird es immer mehr, dem Griechischen und Lateinischen bezeichnende Ausdrücke für Gegenstände ihres Gebiets zu entnehmen. Wollten sie sich dabei auf die deutsche Sprache beschränken, würde eine heillose Verwirrung entstehen, und der Zweck, Deutlichkeit zu erzielen und Verwechslung zu vermeiden, durchaus verfehlt werden. Daß solche Bezeichnungen auch in die Laiensprache übergehen müssen, ist selbstbegreiflich. Nicht minder jedoch, daß es ein völliger gedankenloser Unsinn wäre, den todten Sprachen in dieser Hinsicht den Vorzug vor den Lebenden einzuräumen. Überall werden Erfindungen gemacht, bestehen Verhältnisse, tauchen Richtungen auf, denen sich in fremder Sprache kein so kurzer adäquater Ausdruck geben läßt als in der eignen. Wir gebrauchen absichtlich das Fremdwort in dem letzten Satze. Hätten wir es vermeiden wollen, so wären wir genöthigt gewesen, die lange Umschreibung „den Begiff deckender“ dafür anzuwenden. Kürze – Prägnanz – mit Deutlichkeit vereint aber ist das Haupterfordernis der Umgangssprache in Wort und Schrift. Wo die eigene Sprache die Länge erheischt, das Fremdwort Kürze bietet, unter welcher die Deutlichkeit nicht leidet, können nur besondere Umstände die Vermeidung des Letzteren erfordern, wie etwa die Sprache der Dichtung oder die eines Schriftstückes, das eine Wirkung auf wenig gebildete Massen erzielen soll, wo das Fremdwort mithin die Gefahr der Unverständlichkeit mit sich führen würde. Di Sprachen der großen Kulturvölker Europa’s sind eben kosmopolitisch geworden, wie ihre Kultur selbst. Sie tauschen Worte aus wie Bereicherungen der Wissenschaft, der Kunst, der Erfahrung. Und dies ist auch in nationaler Beziehung nicht ein Rück-, sondern ein Fortschritt.
Diese Bemerkungen, welch die französische Sprache wie jede andere umschließen, glaubten wir voranstellen zu müssen, um nicht mißverstanden zu werden, wenn wir uns im Folgenden gegen den Mißbrauch wenden, der seit Jahrhunderten und heut’ mehr denn je mit der Sprache Frankreich getrieben wird. Buffon hat gesagt, der Stil sei der Mensch. Aber noch wahrer ist aber Sprache das Volk. Eigenthümer eines wirklichen Stiles sind wenige; Besitzer einer nationalen Sprache ist Jeder. Wenn es allerdings fast scheint, daß von letzterem eine Ausnahme gemacht werden muß, so erstreckt diese sich selber vorzugsweise auf Theile des Volkes, die sich selber gerne als „Elite“ desselben betrachten. Sie fügen diesem Hauptwort mit Vorliebe auch das Beiwort „die gebildeten“ hinzu, doch ihr Gebahren widerspricht dem. Das deutsche Volk wäre beklagenswerth, wenn solche „Auswahl“ wirklich die Bildung der Besten herstellte. Denn wir können den beiden obigen Sätzen, dem nach Buffon von uns noch entgegengestellten noch den hinzufügen: Die Geringschätzung der eigenen Muttersprache einer fremden gegenüber ist ein unerträgliches Merkzeichen der Oberflächlichkeit und des Mangels an Charakter.
Die sogenannte „gute Gesellschaft“ in Deutschland enthält in ihrer Mitte eine große Anzahl schwacher und verblendeter, alter und alberner, geistloser und jeder wirklichen Bildung und Kenntnisse entbehrender Geschöpfe, deren ganze Berechtigung dieser „guten Gesellschaft“ anzugehören, in ihrer mühsam erlernten Befähigung, französisch und sprechen und französische Manieren nachzuahmen, besteht. Diese Leute vermögen vielfach keinen stilistisch erträglichen deutschen Satz zu schreiben, fast der Regel nach hat noch kein Gedanke ihr Gehirn verlassen, den nicht ein Anderer ihnen vorgedacht. Neben dem fruchtbaren, samentragenden Acker des arbeitsamen Fleißes
...
Wir können nun selber nicht verhehlen, daß der Hauptbestandtheil dieser narrenhaften Schaar vom weiblichen Geschlecht gebildet wird. Daß dies - und es ist unbestritten – der Fall ist, muß einen Grund besitzen. Und wir wissen es alle, daß dieser Grund in der Erziehung zu suchen ist, welche unsre Töchter aus „gebildeten“ Häusern vorwiegend erhalten.
Abermals müssen wir mit einigen Worten einem Mißverständnis vorbeugen. Wir haben vorhin gesagt, daß wir das Herübernehmen französischer Worte in unsere Sprache, wo die letztere dadurch an wertvoller Kürze und Prägnanz gewinnt, durchaus nicht verwerfen, sondern als Bereicherung betrachten. Ebenso halten wir das Erlernen fremder Sprachen, vorzugsweise der englischen und französischen, für ein wertvolles Mittel zur Erreichung allgemeiner Bildung und besonderer Zwecke. Schriftwerke dieser beiden Völker in der Sprache des Originals lesen und aufs Genaueste verstehen zu können, ist für den über den Horizont der Alltäglichkeit Hinausstrebenden von höchstem Werth. Ob diese Fähigkeit nicht zugleich auch praktische Lebensbedeutung für den Lernenden haben wird, vermag in unserer, völker- und fernverbindenden Zeit Niemand im Voraus zu bestimmen. Für viele geschäftliche Berufszweige ist die gründliche Kenntnis fremder Sprachen unerläßlich. Unter zwei Menschen von gleichen Anlagen wird unstreitig derjenige den Vorzug verdienen, der die Handhabung einer zweiten Sprache mit den übrigen Vorzügen verbindet.
Aber weiter erstreckt sich auch die Bedeutung einer fremden Sprache nicht. Sie bleibt immer Schale und ist nie imstande, einen Kern zu bilden. Unsinn bleibt Unsinn in der fremden wie in der Muttersprache; der Geist- und Kenntnisvolle kann durch sie gewinnen, der Geist- und Kenntnislose wird sich stets durch sie noch ärger bloßstellen. Die fremde Sprache ist ein ausländisches Kind.Es vermag gut zu „sitzen“, gut zu „kleiden“, aber nur dann wenn es überhaupt dem Zweck eines Kleides entspricht und die Gestalt des Trägers eine schöne ist. Stets zweiten Ranges, ist zum Behuf der Bildung und Bedeutung eines Menschen die Kenntnis fremder Sprache Nebensache. Sie ist ein Ergebnis des Fleißes und einer durchaus untergeordneten Begabung. Wer mit ihr als seinem einzigen geistigen Kleidungsstücke prunkt, gleicht einem Wilden, der in lächerlicher Begriffslosigkeit ganz nackt mit einem europäischen Zylinderhut auf dem Kopf einherstolzirt und sich dadurch dem „weißen Manne“ ebenbürtig zu machen glaubt. Wenn es einen Wilhelm von Humboldt gegeben hat, der mit den fassendsten Kenntnissen auf allen Gebieten auch eine ungemein erstaunliche linguistische Begabung verband, so ist es im Allgemeinen für die Letztere doch bezeichnend, daß sie sich am häufigsten bei sonst völlig bedeutungslosen Menschen findet. Die Erklärung dafür ist keine schwierige. Eben der völlige Mangel einer selbständigen geistigen Existenz befähigt sie, ihre dürftige Gedankenhabe ohne Schwierigkeit mit anderen Worten zu umkleiden. Daß von einer tieferen, befruchtenden Kenntniß der betreffenden Sprache bei ihnen nicht die Rede ist, versteht sich von selbst. Sie sind eben ein magerer Acker, über den die Windsaat aus Korn und Unkraut gemischt, hinfliegt. Beides sproßt kärglich hie und da auf, bis ein neuer Wind es verweht und anderen gleich wertlosen Samen zu gleicher Erntelosigkeit ausstreut.
Wilhelm Jensen
Diana Adnoba
1890
Eine weltabgewandte Schwarzwaldgeschichte von der Baar zur Wiener Kongress- Zeit.
Personen :
Berchtold Morneweg, Hobbyarchäologe auf den Spuren einer Römersiedlung aus dem 3. Jahrhundert, sein Neffe
Alwig Morneweg, Offizier a.d., der sich bei ihm einquartiert, misogyn und schweigsam,
Magdala, genannt Marlene, eine Pflegetochter, männerhassend und schweigsam.
Nach Funden eines röm. Textes in Übersetzung, wahrscheinlich von dem Archäologen fingiert, erfährt man die Liebesgeschichte aus der Epoche, die am Baartal in der gleichen Naturentrücktheit spielt.
Alwig fasziniert, nimmt zusammen mit Magdala an den Ausgrabungen teil, beide stumm.
Aber hier liegt als Substrat die römische Liebesgeschichte vor, die im zweiten Buch in einen Traum übergeht, Analogien in den Crocus-Haarfarben der Römerin Eurdora und der verschleierten Magdala als Motiv, bewertet als Phantasterei S. 8
Hier evtl. allg. eine Vorstufe des Paralleltätswahns von Gradiva.
Eine dritte Zeitebene mit literarisch-ärchäologischer Dimension überlagert sich: die Liebeslieder eines Minnesägers aus der Manessischen Handschrift mit Parallelen besonders fast wie ein Fetichismus die safrangelben Haare der weiblichen Protagonisten. Vorlesen löst die Fremdheit auf: Magdala, ein vaterloses Kind, wacht gefühlsmäßig auf und ebenso Alwin.
Eine gemeinsame Suche nach einem Menhir (sic!) im Farnwald führt sie zusammen, aber auch das Paar auf Dienerebene und die sog. Eltern: eine dreifache Hochzeit in der Gegenwart. Alles etwas schwach in die Landschaft gepflanzt und durch deren zweifach gestaffelte Tiefengeschichte verankert.
Die Nachfahren 1909
Jensens vorletzter großer historischer Roman vereint seine narrativen Schwerpunkte Landschaft (Holstein/Sylt/Nordsee), Milieu (sozial degradierter Landadel im Herrenhof), eine historische Affäre (Struensee in Kopenhagen um 1772, Angriff der Engländer auf Kopenhagen und Bornholm, Napoleons Kriegszüge) aus der Perspektive einer heranwachsenden, angenommenen Waise, nachnamenlos, die im Ringen um Identität das Herrenhaus verlässt, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, heuert auf einer Schmugglerknuff an. Eingeschobener historischer Brief-bericht: die Affäre in Kopenhagen als Erlebnis der Comtesse am Hof zu Kopenhagen.
Namen und Namensgebung fast mythisch: das Mädchen nimmt auf See einen neuen Namen an, war vorher schon in Männerkleidung, heiratet nach vier Jahren einen Ugift mit gleichem Nachnamen auf Bornholm, wo sie siedeln. Zwillingsmotiv Jensens explizit. Neu ist, dass hier verborgene Herkunft nicht restitutiv endet. Gerda bleibt in ihrem Wahlmilieu bis zu den großen Passagen über Napoleons Russlandkrieg. Frage, ob die historischen Darstellungen nicht zu breit für einen Heimatroman sind? Aber die Fäden werden weiträumig geknüpft: die Bornholmer segeln alle zurück nach Schleswig Holstein, um die Comtesse noch einmal zu sehen und Mann und Kinder vorzustellen. Rauhe See verschlägt sie nach Kristiansand, dann nach Sylt und über Land in ein historisches Schneetreiben, als müsse man die Rußlandkampagne in nuce wiederholen. Kosaken retten die Schiffbesatzung und erreichen das Herrenhaus, wo die Comtesse aus ihrem Wahn erwacht und sich als Mutter bekennt. Parallel dazu findet auch Nils seinen oder wohl nur einen wartenden Vater. Happy End unter dem Weihnachtsbaum. In Bezug auf die Selbstfindung: nach der Flucht Gerdas zu sich selber ist der Rückweg zwingend geworden in einem sozialen Kontext, der sich mit dem historischen Hintergrund über die Comtesse und ihre uneheliche Tochter verbindet und natürlich dem Geschehen auf der Ostsee. Die Frauen sind die Protagonisten, bes. die starke Gerda.
Nichts Aufregendes, doch durchaus fesselnd im Sinne von Überraschungen, intensive Seestücke und Winterlandschaften. Eine längere Traumpassage von Erlebtem.
Fließende Sprache, historisch: jetzt in der napoleonischen Ära Dänemarks/Holsteins, leicht dänenfeindlich.
Bonjour, ici à Leichlingen, je viens der finir Fremdlinge unter den
Menschen. Pour un roman de 1911 aucun risque de narration. C'est la biographie d'un bachelier de Luebeck qui fait son droit à
Jena et participe à la révolution de 1830 à Paris. Problème de l'identité: enfant adopté retrouve son père français, un officier de Napoléon qui en 1803 a saccagé la ville de Luebeck. S'y ajoute une rencontre avec la fille d'un pasteur, le grand amour ne se réalise pas, car elle est sa soeur. Jensen
les fais mourir pendant une tempête sur la Mer Baltique. Après l'inceste chez Thomas Mann très compréhensif, mais éclipsé. C'est la faute du roman historique. Si Jensen avait décrit cela en 1910 au lieu de 1830, les deux auraient eu une chance. Maintenant je vais lire Unter der Tarnkappe 2. Amitié R
Jensen: Der Schleier der Maja, 1902
Wie etwas später in den „Fremdlingen“ und wie in „Heimath“ oder „Tarnkappe“ sind wir am Ostseeufer Typ Lübecker Bucht mit Dorf, Mühle, Herrenhaus, das ruiniert durch den verschwundenen und heimkehrenden verlorenen Erben an einen Hamburger Kaufmann zusammen mit der Tochter verkauft worden war. Zu Besuch ein Arzt und Jugendfreund, der in Sumatra gearbeitet hatte. Von ihm stammt die Legende vom Schleier der Maja, der die vordergründige Realität verhüllt, hinter der sich die Einheit verbirgt. Ein mythologisch-erkenntnistheoretischer Ansatz, der raffiniert durchgespielt wird, ehe die echten, auf Fehltritten beruhenden Strukturen des Grafengeschlechts aufgedeckt werden, aber auch die Beziehungen der Personen untereinander, die von menschlicher Unkenntnis und Standesdünkel strotzen. Es kommt ein vom Blitz getroffenener Blinder hinzu in einer seherischen Vermittlerrolle, die Natur als Agent mit Gewitter, Sturm und Nebelbänken. Ein toller Schiffbruch lässt den jungen Erben des Nachbargutes anspülen, der sich in eine uneheliche Grafentochter, hier die schöne junge Müllerin, von der nur der Blinde weiß, verliebt, sie mit nach Dänemark nehmen will per Schiff und nach Shakespeare-Lektüre von Romeo und Julia. Sie aber wird vom Blitz getroffen: auf der idealen Linie der jugendlichen Protagonisten schlägt Jensen wie in „Fremdlinge“ als Schicksalsgeber, mythologisch gesteuert, gnadenlos zu, tröstet aber durch die missverstandende Liebe aus der Ablehnung beim Gutsbesitzer mit der Erbin, die unehelich, und damit nicht standesgemäß – wieder einmal wird der Adel entmythifiziert – und plötzlich doch den Gatten kurz vor der Scheidung als Geliebten enthüllt, Maja sei Dank. Der Arzt seinerseits verliebt sich in die beredte und nervige Freundin der Gräfin, was nicht zu ahnen war. Darum herum viel Natur, kleine Leute auf Plattdeutsch - ebenfalls ein Schleier – und Traummomente ohne große Verzerrungen, um nicht den philosophischen Ansatz zu stören.
Stilistisch sehr glatt erzählt, spannend in der Steigerung der Undurchsichtigkeit wegen, die eigene Vermutungen fehlleiten lässt, und fern von den pathetischen, nationalen Themen, es sei denn hier Scheidungsrechtlichem, das sogar der Dorfpfarrer vertreten kann. Dennoch ein recht großer Roman mit viel Natur als symbolische Drapierung. 23.3.17
Unter der Tarnkappe II
Wilhelm Jensen
Nachdem ich vor gut zwei Jahren „Unter der Tarnkappe I“ gelesen hatte, schloss ich den zweiten Band heute Abend ab. Wiederum eine doppelte Geschichte, ein Doppelleben des Protagonisten (oft dafür “wie ein Traum“ in nahezu tödlichen Grenzsituationen wie auf der auf die Ostsee hinaustreibende Eisscholle oder an der Front die Niederlage gegen die Dänen), der ein Aufsteiger ist, vater- und mutterlos aufgezogen wird von Treuhändern, zuerst Theologe, dann Arzt werden will, alles im Jensen vertrauten Schleswig-Holstein, in Wagrien, mit authentischen plattdeutschen Passagen im Personal, ehe die eigene Herkunft deutlicher wird. Die adlige Generation des Gutsbesitzers hatte die Mutter verstoßen, als sie einen Bürgerlichen heiratete. Moderne Drahtzieher sind liberale Ärzte und Pastoren wie auch in „Fremdlinge unter den Menschen“, wo die Geschwisterliebe im Tod enden muss. Hier waren die ungleichen Verwandten noch aus einer gleichen tödlichen Bedrohung gerettet worden. Unter der Tarnkappe einer Liebeslaube, des Hasses auf die Verstoßene und auf die Dänen ist Individualgeschichte nicht von Zeitgeschichte zu trennen. Beide sind vom selben Stamm, sind personal gesehen Cousin und Cousine und heiraten nach Umwegen und Wirren, wobei der Krieg 1848 diesen Handlungsstrang vorantreibt. Da endet die zeitgeschichtliche Parallele: der Krieg ist verloren, die Beziehung gewonnen entgegen dem Widerstand der Vorgeneration. Erwartete man eine große politische Aktion des holsteinischen Widerstandes wie in „Karin von Schweden“, so geht man ebenso wie bei den „Fremdlingen“ fehl: Es sind wie „Auf der Feuerstätte“, gut geschilderte Höhepunkte von Julirevolution in Paris, Aufstand der Schleswiger und dem Hamburger Großbrand, die aber nur Kapitel in epischen Familiengeschichten sind von Großbürgern und Adligen, die sich neu legitimieren in der Folgegeneration. Es sind also Erbengeschichten mit Doppelrollen, die die Orientierung des Lesers verkomplizieren und die Jensen kunstvoll und spannend zusammenführt. Dass ist sein historisches Romankonzept, das seine ungeheure narrative Produktion vorantreibt. Jensen selber erbt die vorangegangenen Epochen und verwandelt sie in eine historische Sozialgeschichte mit Hilfe junger, sich darein und zu sich findender Protagonisten seiner vertrauten Heimaträume.
Wilhelm Jensen: Versunkene Welten (1881/83)
Zwischen dem historischen Roman Jensens aus dem 18. Jahrhundert „Vom römischen Reich deutscher Nation“ (1882) und „Metamorphosen“ (1881/83) entstand mit „Versunkene Welten“ ein Nordseeroman vom Beginn des 13. Jahrhunderts von der nordfriesischen Insel „Rungholt“, die von einer großen Sturmflut fortgespült und untergegangen ist. Das genaue, spätere Datum der Katastrophe („Große Mandränke“ 1362) wird um eine Generation vorgezogen, um sie mit der dänischen Königsgeschichte dramatisch zuzuspitzen. Der Romantitel ist pluralisch und schießt damit den Untergang der heidnisch-friesischen Kultur nach der wenig stabilisierten Christianisierung nördlich der Eider mit ein.
Wie zeichnet Wilhelm Jensen nun die Menschen dieser frühen Epoche imaginativ nach? Bei „Karin von Schweden“ (1872) konnte er sich auf die dänische und schwedische Geschichtsschreibung über das 16. Jahrhundert stützen, mit der er allerdings zuweilen frei umging z.B. durch die Verjüngung der königlichen Protagonisten und indem er eigene dramatische Akzente hinzusetzte. Daher auch im Untertitel "Novelle" statt "historischer Roman"
Für Rungholt gab es keine eigene zeitgenössische Chronik, die die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den expandierenden Dänen (die im Roman einleitend als Rahmen knapp skizziert werden, vgl. S. 6 ff.) erzählte. Allerdings greift der dänische Thronfolgekonflikt zwischen Christoph II. (1320-32) und dem Holsten-Grafen Gerhard III. und die daraus resultierende Flucht des bedrohten minderjährigen Thron-Erbens Erich Menved auf die Insel direkt ins erfundene lokale Geschehen ein. Die bekannte umfassende Chronik der „Gesta Danorum“ von Saxo Grammaticus liegt inhaltlich hundert Jahre früher und ist zentriert auf die dänischen Eroberungen im Ostseeraum. Wohl aber bietet sie eine reiche Quelle für die heidnisch-germanischen religiösen Vorstellungen. Das bodenständige mythologische System hat die Charaktere und z.B. die Sonnenwendriten der freien Nordfriesen gezeichnet ebenso - wie stets bei Jensen - die machtvolle Natur mit Wetter, Elementen und Jahreszeiten, hier die von Ebbe und Flut regierten, kaum eingedeichten Wattinsel Nordfrieslands mit zwei konkurrierenden Städten, Wendingstadt und Rungholt. Sogar stilistisch versucht Wilhelm Jensen die heidnische Götter- und Naturbezogenheit durch Einschübe von Skalden-Versen eines Hundertjährigen authentisch zu gestalten (vgl. II, S. 61-65).
Entsprechend dem gegensätzlichen Wechselspiel der Gezeiten scheinen wie die Ortschaften auch die Themen und Motive strukturell antithetisch organisiert zu sein. Dies lässt sich sogar auf die sozialen Verhältnisse der Gemeinden übertragen, die das Schicksal von Jugendlichen in ihrer ersten Liebe diktatorisch bestimmen und dennoch eine heimliche Auflehnung gegen Elternwillen und Thingmehrheit ermöglichen.
Es ist die Geschichte der wendingstädter Ratsherrn-Kinder Edouw Holding und ihres Bruders Urdig, die mit dem Untergang dieser von intriganten Dänen und Springfluten bedrohten Welten verbunden ist. Damit nähern wir uns einem Lieblingsthema Jensens, der Emanzipation der neuen Generation von den Normen ihrer Eltern. Hier vermittelt das Christentum in der Gestalt des Priesters Roluf Ufert, der zwischen der alten und der neuen Religion steht und sich gegen die Verbote zugunsten des Herzens ausspricht.
Wie oft – zuletzt in „Fremdlinge unter den Menschen“ (1911) – ist die Bindung unter den Geschwistern ein sehr enge, fast inzestuöse (vgl. besonders S. 188 ff. zusammen mit einer Alb-Traumpassage Edouws)). Der Bruder ähnelt nicht nur seiner Schwester zum Verwechseln, sondern ist so schön wie der Sonnengott Baldur, dessen tragisches Schicksal er hier mit den Leitsymbolen parallel zur Mythologie teilen wird. Er hilft der zögerlichen Schwester, die vom Thing und Vater abgelehnte Verbindung mit dem Rungholter Hemmo Hemmen heimlich aufzunehmen, kommt aber selber auf See um.
Der historisch belegte Konflikt zwischen den Nordfriesen und den dänischen Kirche beruhte auf einer Art Tributkompensation, die jene durch Deichbau kompensierten, aber dann doch einen Zehnten der Erträge von Wirtschaft und Handel zu zahlen gezwungen wurden. Dänische Steuereintreiber tauchen auf und suchen zugleich mit einem Mordauftrag nach dem entflohenen Thronerben, der sich unerkannt bei dem Skalden versteckt. Zugleich rückt ein großes dänisches Heer gegen Wendingstadt an, das vergeblich auf die Hilfe Rungholts hofft, und sich trotz gelenkter Überflutung seiner Felder vor Vernichtung in die Dünen flieht. Zu ihnen stößt der an diesem Tag mündig gewordene Thronerbe.
Diese bedrohliche Untergangssituation erfährt eine Art natürliche Peripethie: die Flut bleibt aus. Statt ihrer nähert sich eine gigantische Flut-Welle, die alles und alle verschlingt. Nur die Liebenden und der König retten sich mit dem Boot des Skalden zufällig nach Helgoland.
Augen der Seele, 1882 (100 S. Novelle)
Reiseerzählung: ein Autor, der Ferien und Arbeit an der See vereinen will, bleibt in einer Kleinstadt hängen, die ihn inspiriert durch ihre Silhouette aus der Zugperspektive. Er richtet sich dort privat ein bei einer Witwe, hatte einen ortskundigen Geiger zuvor getroffen. Die Haustochter ist von Blattern entstellt. Ihr Porträt vor der Krankheit hängt im Wohnzimmer. Sie und der Geiger sind befreundet: er ist erblindet und weiß nichts von ihrer Entstellung. Der Autor bemerkt die gegenseitige Liebe und fördert sie, ohne das Geheimnis zu lüften.
Das Augen-Motiv zu untersuchen. Freudianisches? Eher ein Paradox, dass wahre Liebe doch nicht wie bei Thomas "ubi amor ibi oculus", sondern aus der Tiefe der Person kommt und richtig handelt.
Ein Traum (Novelle) 1882 (Ausgabe von 1902)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen