Les amis de Wilhelm Jensen
Bulletin 4, Mai 2022
Inhalt:
1. Bibliographisches
2. Antiquarisches
3. Heiligenhafen
4. Über Freuds und Jungs Briefwechsel zu "Gradiva"
5. Unbekannter Textauszug: WJ 1910 "Vor der Gartentür" als "ars poetica"
1. Wilhelm Jensen, Die Juden von Cölln auf Italienisch:
Gli ebrei di Colonia. Romanzo de Medioevo tedesco. Edit.: Robin 2020
Descrizione:
"Die Juden zu Köln", opera giovanile di Wilhelm Jensen, fu pubblicata nel 1869, a tre anni dalla battaglia di Königgrätz, più nota in Italia come Sadowa, e dall'esclusione definitiva dell'Austria dalla Mitteleuropa germanica egemonizzata dalla Prussia. Theodor Herzl, il fondatore del Sionismo, apprezzò il libro e definì Jensen "il poeta della mia giovinezza". È una appassionata denuncia e un grido di allarme contro il risorgere dell'antisemitismo in terra tedesca, qui nelle fattezze dell'antigiudaismo cattolico. Siamo alla metà del XIV secolo. Il giovane ebreo Hellem torna, dopo sette anni di lontananza e nel momento peggiore, nella sua Colonia. Favorita dalle pessime condizioni igieniche, la peste infuria mietendo centinaia di vittime. Il male si manifesta in forme meno virulente nel Ghetto, che può contare su una sapienza medica e su una migliore pulizia. La repentina diffusione del contagio fa tuttavia nascere un diffuso sentimento di imminente Fine dei Tempi, per placare il quale serve un colpevole che viene identificato nell'ebreo, "uccisore di Nostro Signore Gesù Cristo" e "avvelenatore dei pozzi". Di qui l'assalto al Ghetto e la distruzione pressoché totale di quella che era allora la maggiore comunità israelitica della Germania. Tra la Ghettoliteratur e il romanzo storico, ne "Gli ebrei di Colonia" gli eventi sono rivissuti anche con una coloritura fantastica e chiaroscurale, nella dimensione dei sentimenti. L'amore e la solidarietà, l'odio e la violenza determinano il comportamento dei diversi personaggi, che talvolta riescono a valicare gli steccati che la Storia ha innalzato tra di loro, nel riconoscimento di un destino comune, illuminato dalla Luce della Ragione.
Nach der ersten Ausgabe von 1869 über das Pogrom von 1349, dessen hier geschilderte fiktionale Dimension Jensen trotz des Lobes von Theodor Herzl zu einer zweiten Auflage in aktuellem gesellschaftlichen Kontext von 1897 veranlasste.
Kurioserweise hat F. Schätzing deren Nachdruck von 2008 bei Kiepenheuer versucht, Jensen stilistisch zu modernisieren. Dazu später über Historizität und Sprachform.
2. Augen auf bei "Booklooker"!
Nachdem ein französischer Freund fassungslos ein Buch des dänischen Nobelpreisträgers Johannes Vilhelm Jensen erhalten hatte, weil er unseren Wilhelm Jensen (1837-1911) als Autor vermutete, wandte ich mich an die Geschäftsführung dieser antiquarischen Plattform mit der Bitte, die Jensen-Vielfalt zu differenzieren. Man wies mich lakonisch darauf hin, dass dies die Anbieter machen müssten. Das hatte ich schon in einem berühmten Lübecker Antiquariat versucht, als ich auf den Titel "Trenthorst" stieß und keinen Hinweis auf den Pastor und Heimatforscher gleichen Namens fand. Ich erklärte dem Antiquar damals den Zusammenhang und finde das Buch immer noch unter den 694 angezeigten Wilhelm Jensen bei "booklooker". Ist Verkaufen wichtiger als korrekt zu liefern? Das hieße für dumm verkaufen. Herr Conrad von "booklooker" bot mir als Alternative an, Wilhelm Jensen ganz aus dem Angebot zu nehmen.
Nun habe ich heute, am 20.4.22, die angebotenen Titel noch einmal alle durchgesehen und komme auf 13 verschiedene Jensen als Autoren. Die Mehrzahl der Werke stammt immerhin von dem Heiligenhafener Jensen. Ganze 35 Titel vereint in diesem Gemischtwarensammelsurium der Dittmarscher Pastor, fünfmal findet sich Müller-Jensen, 13x Adolf, 5x ein Jürgen, 5x ein Tranum-Jensen und besonders in den Zahlen ab 600 noch ein halbes Dutzend anderer Personen mit verschiedenen Vornamen, darunter sogar ein Autor eines Reiseführers für Irland sowie ein Buch von Henry James.
Buch-Sucher sind ja findige Leute und merken irgendwann die Irreführungen, vor denen übrigens auch die Kataloge von Universitätsbibliotheken nicht verschont sind. Viele Bücher unseres Jensen aus dem 19. Jahrhundert haben beträchtliche Preisentwicklungen hinter sich und werden von Reprints eingeholt. Ob die letzteren überhaupt gelesen oder nur in die Bibliothekslücken wie in Leipzig nachrücken, wissen nur die Verlage Hansebook, Hofenberg, Tredition-Classics, die seitenlang "booklooker" als Verlagsprospekte bzw. -werbung bedienen, hinter denen sich eine Moluna GmbH/Contumax als Träger vielköpfig verbirgt und das zu einem normalen Romanpreis für eine unkommentierte Fotokopie des Originals, absurderweise sogar mit dem Halbfoto von Emile Zola.
3. Heiligenhafen:
Nach Ende der Wintersaison und monatelanger Schließung ist das "Heimatmuseum" wieder täglich drei Stunden geöffnet. Eine von der Stiftung Fielmann gesponserte wissenschaftliche Neuorientierung nach dreißig Jahren ist laut Heiligenhafener Post schon Anfang Dezember vorgestellt worden und soll von den Gremien, zu denen besonders der Förderverein gehört, umgesetzt werden. Wir hatten im Herbst auf Bitte des Stadtarchivs in Bezug auf die Jensen-Exponate einen Modernisierungsvorschlag einschließlich Digitalisierung eingereicht, von dem nichts zwischenzeitlich zu hören war. Wir zählen als potentielle Bücher-Sponsoren und Fachleute offenbar auch auf Anfrage hin nicht zu dem inneren Kreis der Betroffenen. Ja, man las, dass die Direktorin einen noch umfangreicheren Schwerpunkt auf Theodor Storms Beziehungen zur Stadt setzen möchte, ohne dass sie in einem Atemzug auch den Namen Jensens hinzusetzte. Das ist bedauerlich und vor allem auch für das Angebot von Erstausgaben durch Hartmut Heyck, Jensens Urenkel aus Kanada, wohl eine verlorene Chance, Jensens Geburtsstadt, in der zwei seiner Novellen spielen, zum offenen Zentrum einer attraktiven Autoren-Dokumentation zu machen.
4. Michel Valtin:
Über Freuds und Jungs Briefwechsel zu"Gradiva".
Der Meinungsumschwung Freuds
Petite Revue de l'Indiscipline 191, Herbst 2012, S. 23-33
1. Der Meinungsumschwung Freuds und die Abwertung Jensens als "alten Herrn"
Am 24. Mai 1907 schreibt Jung an Freud über seinen Essay "Gradiva":
"Ihre Gradiva ist herrlich. Ich habe sie kürzlich in einem Zug durchgelesen. Die Klarheit Ihrer Ausführungen ist berückend, und man muß, sollte ich meinen, von den Göttern mit siebenfacher Blindheit geschlagen sein, wenn man jetzt nicht endlich einmal sieht."
Freud antwortet ihm am 26. Mai:
"Herzlichen Dank für Ihr Lob der "Gradiva"! Sie glauben nicht, wie wenig Menschen etwas der Art zustande bringen, es ist eigentlich das erstemal, daß ich ein warmes Wort über sie höre. (Nein, ich darf Ihrem Vetter (?) Riklin nicht Unrecht tun)."
Freud hatte die ersten Antworten Jensens erhalten (wie etwas später aus diesem Brief an Jung zu ersehen ist) und besonders den ersten vom 13.Mai 1907, in dem der Autor von "Gradiva" vor allem geschrieben hatte: "..Ich spreche Ihnen freundlichsten Dank für die Übersendung aus ..." War das nicht die erste herzliche Antwort und die Jungs die zweite?
S. 24
Müsste man nicht annehmen, dass für Freud Jensens erster Brief nicht zu den herzlichen Antworten zu rechnen wäre, ganz einfach, weil der Autor der "Gradiva" den Essay des Erfinders der Psychoanalyse nicht verstanden haben sollte?
Freud schreibt etwas weiter unten:
"Was Jensen selbst dazu sagt? Er hat sich recht liebenswürdig geäußert. Im ersten Brief gab er seiner Freude Ausdruck, daß usw., und erklärte, die Analyse habe in allem Wesentlichen die Absicht der kleinen Dichtung getroffen. Er meinte natürlich nicht unsere Theorie, wie er überhaupt als alter Herr unfähig scheint, auf andere Intentionen als seine eigenen poetischen einzugehen."
Wenn Freud von Seiten des Schriftstellers keine Ablehnung erfährt, die er im Vorwege durchaus für möglich hielt, so doch mindestens ein Unverständnis.
Jensen hat sich sehr liebenswert ausgedrückt, dennoch ist Freud unzufrieden: er scheint Jensens Freude wegzuwischen. Sie bezieht sich nur auf dessen literarische Intentionen und nicht auf die von der Psychoanalyse verkündete Theorie. Freud scheint sich weniger für die literarischen Intentionen des Schriftstellers zu interessieren als für die Überprüfung seiner eigenen Theorien. Enttäuscht behandelt er Jensen als "alten Herrn", der unfähig scheint usw.
Freud geht überhaupt nicht auf die Bemerkung Jensens ein, wonach trotz des globalen Verständnisses der in "Gradiva" ausgedrückten Intentionen er vielleicht dem Autor "hie und da ... in der Tat einiges unterlegt, was der Verfasser wenigstens bewußt nicht im Sinne getragen hat". Freud stellt sich nicht die Frage herauszubekommen, ob er nicht in gewissen Punkten, die Jensen für sekundär hielt, er die Gedanken
S. 25
des Autors verformen hat können, indem er ihnen Intentionen hinzufügte, die nur vom Interpreten herrühren könnten.
Andererseits betont Freud, was Jensen von seiner poetischen Intuition und seinen medizinischen Studien sagt:
"Er meinte, die Übereinstimmung müsse man wohl auf Rechnung der dichterischen Intuition schreiben und vielleicht seinem ursprünglichem medizinischen Studium einen Teil gönnen."
Die Übereinstimmung? Aber, noch einmal, Freud macht sich nicht klar, dass nach Jensen die Übereinstimmung keine völlige ist.
Freud stellt sich offensichtlich nicht die Frage, was Jensen unter Intuition versteht noch welche Rolle seine medizinischen Studien gespielt haben können. Hätten sie nicht beispielsweise die Aufmerksamkeit des Autors auf die relative Bedeutung der Natur und der Umgebung lenken können oder etwa auf die physischen und psychischen Veränderungen des kleinen Mädchens und des kleinen Jungen während ihres Überganges von der Kindheit zur Pubertät, vom Jugend- zum Erwachsenenalter? Die beiden ersten Briefe Jensens scheinen anzudeuten, dass der Autor im Ganzen mit Freud übereinstimmt und zwar in den wesentlichen Punkten auf jeden Fall (wie beim Konflikt zwischen Liebe und Ich in Norbert Hanold, der Zensur, der Verdrängung und der Verdichtung). Doch er würde unmöglich von seiner Seite in der Novelle die Interpretation in Bezug auf den Fetischismus und die kindliche Sexualität von Norbert Hanold bestätigen. Der Begründer der Psychoanalyse hatte in der Tat (wie wir in unserem ersten Teil aufgewiesen haben) Jensen die Kenntnis kindlicher Sexualität und sogar der Entstehung des Fetischismus zugebilligt!
Bei der ersten Antwort Jensens reagiert Freud nachdrücklich darauf, von ihm zu erhalten, was er wünscht, nämlich die Bestätigung seiner Theorien, sei es auch mit dem Risiko, sich indiskret zu zeigen:
S. 26
"In einem zweiten Brief wurde ich dann indiskret und verlangte Auskünfte über das Subjektive an der poetischen Arbeit, woher der Stoff rühre, wo seine Person stecke und dergleichen".
Die drei Fragen, die Freud ausdrücklich wiederholt, beziehen sich auf die Psychologie des Autors und nicht auf die literarischen Intentionen noch auf das literarische Produzieren selber.
In seiner Einleitung zu "Gradiva", die er "Das junge Mädchen" nennt, fragt Pontalis, ob Freud, wenn er indiskret wird, sich nicht eher wie ein Detektiv denn als Analytiker verhält. Dem stimmt man größtenteils zu.
Verhält sich Freud dennoch wie ein Detektiv? Meiner Meinung nach würde sich ein guter Detektiv geschickter verhalten, er hätte keine vorgefasste Meinung, wäre der Einladung Jensens gefolgt und hätte ihn zu treffen versucht. Reagiert Freud nicht eher wie ein auf die Psychoanalyse spezialisierter Wissenschaftler, der seine Theorien überprüfen will und kein Interesse an literarischen Intentionen hat?
Jensen dagegen, weit entfernt, ein "alter Herr" zu sein, dessen Intelligenz sich auf seine besonderen Voraussetzungen beschränken würde, erklärt, er lasse sich von den folgenden Nummern der "Schriften zur angewandten Seelenkunde" belehren.
In seinem Essay hatte Freud Jensen mit beträchtlichem Lob versehen, und der Schriftsteller konnte in seiner ersten Antwort schreiben, dass "Gradiva" "vom psychiatrischen Standpunkt aus beurteilt und gewürdigt" worden sei.
Freud bestätigt z.B.:
(...)" die Wissenschaft besteht nicht vor der Leistung des Dichters." (Kap. II);
(...)" Man könnte nur noch eine Frage aufwerfen, warum der Dichter zur weiteren Entwicklung des Wahnes überhaupt einen Traum einführe. Nun, ich meine, das ist recht sinnreich komponiert und hält wiederum der Wirklichkeit die Treue." (ebda.);
(...)" Unser Dichter, dem wir längst zutrauen, daß er keinen einzelnen Zug müßig und absichtslos in seiner Schilderung aufträgt, hat uns noch ein anderes Zeugnis für die Hanold auf der Reise beherrschende asexuelle Störung gegeben." (Kap. III);
(...)" Es ist ein Triumph des Witzes, den Wahn und die Wahrheit in der nämlichen Ausdrucksform darstellen zu können." (zu Zoës Reden in Kap. III);
(...) Der Dichter "kennt das Wesen des Wahnes eben besser als seine Kritiker, .."
(Kap. IV)
S. 27
"(...)
Nach Erhalt der beiden ersten Antworten Jensens scheint Freud seine Meinung über ihn geändert zu haben: er ist kein Autor mehr, der großes Lob verdient, sondern wie wir gesehen haben, ein "alter Herr" der "unfähig scheint, andere als seine eigenen literarischen Intentionen zu verstehen".
In dem Supplement zur zweiten Edition(1912) klassifiziert Freud Jensen als einen der Schriftsteller, die "in einer naiven Schaffensfreude gewohnt sind (...), sich den Impulsen ihrer Phantasie hinzugeben". Er notiert, dass Jensen fortgeschrittenen Alters sei und eine Zusammenarbeit im Hinblick auf neue Aufgaben verweigert habe, die die psychoanalytische Forschung in Bezug auf die Psychologie der literarischen Schöpfung sich gesetzt habe.
Um das Ganze zu krönen, wird in "Sigmund Freud, Selbstdarstellung (1925)"Gradiva" als "kleine Novelle ohne großen Eigenwert" erwähnt.
S. 28
Sollte sie also nur ihren Wert dank der Interpretation Freuds und der Bestätigung seiner Theorien verdienen? Hatte Freud die Lobeshymnen Jensens recht betrachtet nur sich selber zugedacht?
(...)
2. Der Essay über "Gradiva" und Freuds Vergnügen daran
Wie dem auch sein, Freud meint, ihm selber sei Lob geschuldet. In der Tat, in dem oben zitierten Brief an Jung, drückt sich Freud in Bezug auf seinen Essay folgendermaßen aus:
"Ich wusste diesmal, daß die kleine Arbeit Lob verdient; sie ist in sonnigen Tagen entstanden und hatte mir selbst soviel Freude gemacht."
Würde man nicht sagen, dass Freud, wenn er das Vergnügen anspricht, das ihm die Abfassung seines Essay bereitet hat, den Platz des Schriftstellers einnimmt, der bei der Frage nach "sehr ähnlichen Theorien" geantwortet haben würde: "es war seine Phantasie, die ihn zu dieser "Gradiva" inspiriert und ihm viel Vergnügen bereitet hatte"?
Aber was für ein Lob erwartete Freud?
"Bis jetzt liegt nur eine Besprechung in einer Wiener Tageszeitung vor, lobend, aber so verständnis- und affektlos wie etwa Ihre Dementen sich äußern könnten. So einem Journalisten, der die leidenschaftliche Betonung abstrakter Güter offenbar nicht bereit, macht es gar nichts, etwa zu schreiben: Die Mathematiker erzählen, 2x2 sei häufig gleich 4, oder: Es wird uns versichert, daß 2x2 gewöhnlich nicht gleich 5 ist."
S. 29
Freud verlangt offenbar viel: nicht nur, dass man ihn versteht, sondern auch, dass sein Werk, in dem er "die leidenschaftliche Betonung abstrakter Güter" dargelegt hat, Begeisterung hervorruft. Einzig Jungs Antwort scheint ihm die Genugtuung zu verschaffen, die dem Maße seiner Wünsche entspricht.
Im Gegensatz dazu haben Jensens Antworten ihn enttäuscht. Jensen ist wie die anderen, die ihn nicht verstehen.
Halten wir fest, dass Freud, der ja den Wiener Journalisten bloßstellt und sich von Jensen Antwort unbefriedigt zeigt, sich offensichtlich nicht mit dem Vergnügen zufrieden gibt, das die Verfassung seines Essay ihm selber verschafft hat.
War Jensens Vergnügen, das er bei der Lektüre von Freuds Essay empfand sowie bei dessen Beurteilung und Lob, nicht gerechtfertigt? Ebenso wie der Eindruck, dass im Großen und Ganzen seine Absichten verstanden worden waren? Sie waren es sicherlich aus einem anderen Blickwinkel heraus als dem des Dichters, - nicht aus dem eines Literaturliebhabers, sondern dem eines Psychiaters. Dessen ungeachtet beschwert sich Jensen nicht sonderlich, nicht als Dichter und Autor eines Phantasiestücks verstanden worden zu sein. Hätte Freud sich nicht zufrieden geben müssen, dass Jensen in ihm einen tiefsinnigeren und subtileren Leser gesehen hatte als die meisten anderen, der überdies sogar bis an den Grund der Intentionen der Novelle vorgestoßen war?
Sollte Jensen die psychoanalytische Theorie nicht verstanden haben?
Doch wie hätte er sie wirklich verstanden, ohne das ganze Werk Freuds gelesen und studiert zu haben, er, der nur Dichter war? Zumindest erklärt er, wir haben es gesehen, dass
S. 29
er es nicht versäumen werde, sich fortzubilden durch die Lektüre der nächsten Nummern der Schriften für angewandte Seelenkunde.
Wenn Jensen Freud nicht ganz verstanden hat, hat Freud seinerseits Jensen völlig verstanden? Von dessen Gesamtwerk scheint er beim Abfassen seines Briefes an Jung nur "Gradiva" gelesen zu haben.
Erinnern wir uns, dass bei der Frage nach "Gradiva" und "den verwandten Theorien auf wissenschaftlichem Gebiet" Jensen geantwortet hätte:
Es wäre seine Phantasie gewesen, die ihm "Gradiva" inspiriert hätte, und sie hätte ihm viel Vergnügen bereitet; diejenigen, denen sie nicht gefiel, hätten sich nur davon abwenden müssen.
Freud fügt hinzu: "er ahnte nicht, wie sehr das Werk den Lesern gefallen hatte".
Wenn es wirklich Freud gefallen hatte, warum hatte er sich nicht darum gekümmert, andere Werke von Jensen zu lesen? Würde es nicht das sein, was ihn interessiert hat, was er darin wiederfand oder wiederzufinden glaubte, Theorien, die seinen verwandt wären? Würde er es nicht sein, der sich in einem gewissen Maße unfähig gezeigt hätte, sich für die Literatur an sich zu interessieren und für andere Intentionen als die, die seine Theorien auf die Probe stellen könnten? Was konnte einem dergleichen Mann seine kleine Arbeit über "Gradiva" verschaffen außer einem verdienten Lob und dem Vergnügen an ihrer Abfassung? "Sie bringt ja nichts Neues für uns, aber ich glaube, sie gestattet uns, sich unseres Reichtums zu erfreuen".
S. 31
3. Freuds Unverständnis der Psychologie literarischer Schöpfung
Tatsächlich bringt Freuds Essay viel, er ist insgesamt genau und argumentativ gut aufgebaut. Und man kann sogar vermuten, dass der Erfinder der Psychoanalyse sich dabei sehr wenig, auf jeden Fall weniger als bei anderen Gelegenheiten (wie z.B. bei "Eine Kindheitserinnerung von Leonardo da Vinci")
von seiner Manie der Hypothesenbildung hinreißen ließe.
Was dieses Werk nicht bringt, und was die Briefe an Jung auch nicht bringen, ist unserer Meinung nach ein Verständnis für die literarische Schöpfung.
Es trifft sich vielleicht gut, dass Freud ein "Conquistador" (ein Eroberer) gewesen ist, wie er es ausdrückt in seinem Brief an Fliess vom 1.Februar 1900, und eher ein Mann der Wissenschaft als ein Poet, denn in diesem Fall würde die Ausdrucksweise, deren er sich in seinem kleinen Essay bedient, sehr kritisch zu sehen sein.
Erinnern wir uns, dass er schreibt: "Ich wusste, dass die kleine Arbeit Lob verdient; sie ist in sonnigen Tagen entstanden und hatte mir selbst soviel Freude gemacht".
Was ist das für eine Ausdrucksweise? Ist sie nicht befremdlich von Seiten eines Vertreters der Wissenschaft, der Jensen zu den Schriftstellern zählt, die in ihrer naiven Freude des Schöpfens sich gewöhnlich den Impulsen ihrer Phantasie hingeben?
Ist die von Freud empfundene Freude beim Abfassen seines Essays über "Gradiva" nicht der Beweis oder das Anzeichen dafür, dass keinen Irrtum begangen hat? Ist diese Freude nicht der höchste subjektive Anteil bei der Komposition des Buches?
Der schlimmste der romantischen Dichter, der gleichgültigste im Hinblick auf die Qualität seiner Verse, der das Herz mit dem poetischen Schöpfungsprinzip
verwechselte, Alfred de Musset nämlich, hat
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wenigstens die Freude, die ihm seine Verse machten, davon zu lösen gewusst, und schreibt über ihren Wert:
So wisse es, - es ist das Herz, das spricht und seufzt,
Wenn die Hand schreibt - es ist das Herz, das zerfließt;
Das anschwillt, sich enthüllt und Atem holt
Wie froh ein Pilger auf dem Bergesgipfel.
Und könntest doch, wenn du darüber lachst,
Von unsrem Vers die Freude trennen, die sie macht!
Was ist sie wert? Die Muse ist stets schön,
Selbst für den Toren oder Schwachen gar;
Denn ihrer Schönheit unsre Liebe gilt.
(Namouna, 2. Gesang)
Zweifellos hatte Freud nicht die Gelegenheit, die Werke Mussets zu lesen und über sie nachzudenken. Hätte er aber genügend Zeit gehabt, sich für den literarischen Schaffensprozess zu interessieren, hätte er nicht in Novalis "Heinrich von Ofterdingen" (VII) Klingsohrs Ausage lesen können:
"Der junge Dichter kann nicht kühl, nicht besonnen genug sein".
Kurz zuvor hatte Klingsohr gesagt:
"... ein anderes ist es mit der Natur für unsern Genuß und unser Gemüt, ein anderes mit der Natur für unsern Verstand, für das leitende Vermögen unserer Weltkräfte. Man muß sich wohl hüten, nicht das eine über das andere zu vergessen. Es gibt viele, die nur die eine Seite kennen und die andere gering schätzen. Aber beide kann man vereinigen, man wird sich wohl dabei befinden."
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Das ist ein Dichter, der wenig dem Bild entspricht, das Freud in seinem Resumé der "Gradiva" von den Dichtern zu vermitteln sucht, als er in Bezug auf Nobert Hanold schreibt:
"(...) Durch solche Absonderung der Phantasie vom Denkvermögen musst er zum Dichter oder zum Neurotiker bestimmt sein, gehörte er jenen Menschen an, deren Reich nicht von dieser Welt ist."
Dazu passt die weitere Passage Klingsohrs:
"(...) Ich kann Euch nicht genug anrühmen, Euren Verstand, Euren natürlichen Trieb zu wissen, wie alles sich begibt und untereinander nach Gesetzen der Folge zusammenhängt, mit Fleiß und Mühe zu unterstützen. Nichts ist dem Dichter unentbehrlicher, als Einsicht in die Natur jedes Geschäfts, Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen, und die Gegenwart des Geistes, nach Zeit und Umständen, die schicklichste zu wählen. Begeisterung ohne Verstand ist unnütz und gefährlich, und der Dichter wird wenig Wunder tun können, wenn er selbst über Wunder erstaunt."
Ohne Freud des Mangels an Vernunft zu zeihen, muss man in der oben zitierten Passage aus dem Brief an Jung konstatieren, dass er die Qualität eines Werkes und die Freude, die es seinem Autor verschaffen kann, doch etwas arg vermengt.
(Übersetzung R.J.A.Pohl)
Originaler Textauszug:
Wilhelm Jensen
Vor der Gartentür (Febr. 1910, letzte, nicht in Bibliographien auftauchende Novelle)
Vor der Gartentür meines Landhäuschens überm Chiemsee zieht sich eine kleine Hochfläche entlang. Sie nimmt, etwa sechshundert Schritt lang, südnördliche Richtung von einer alten, wahrscheinlich der ältesten Wallfahrtskirche in weiter Umgebung - Sankt Salvator - bis an den Rand einer Moränenaufwölbung von nicht unbeträchtlicher Höhe, danach "Höhenberg" benannt. Ostwärts dacht sich das nur schmale Band der halb aus Wiesen, halb aus Kornäckern bestehenden Fläche ziemlich steil zum nah darunter gelegenen Marktflecken Prien hinab.
Der Niederblick auf diesen läßt sogleich erkennen, daß die Ortschaft auf einem Grunde erbaut worden, der ehemals dem See mit angehört hat, über dessen Spiegel bei höherem Wasserstande sie sich kaum mehr als einen Meter erhebt. Ihr Ursprung ist auch geschichtlich nicht weiter als bis zum zwölften Jahrhundert zurück zu verfolgen, die kleinen Dorfansiedlungen auf den benachbarten Erhöhungen übertreffen sie jeden falls erheblich an Alter. Ihren Namen hat sie zweifellos von dem sie durchquerenden, mit nur kurzem Lauf sich aus dem Hochgebirge herabschnellenden Flüßchen Prien empfangen, das den seinigen aus einer keltischen Benennung "Breona" - vielleicht "die von Schaum Glänzende"- verdanken soll. Dies "soll" tritt hier vielfach an die Stelle beglaubigter Überleferung; an der Breona soll zur Zeit der römischen Provinz Noricum ein Ort "Pirunum" gelegen haben. Das wiese auf eine mähliche Umwandlung des Flußnamens durch Pirunum zum heutigen Prien hin. Doch ohne Frage hat dies verschollene Pirunum nicht die Stelle des jetzigen Marktfleckens eingenommen, die damals, wenn nicht mehr zum See gehörig, doch noch unbewohnbarer Sumpfboden gewesen.
Dagegen stand die Kirche von St. Salvator oben auf der Anhöhe schon seit geraumer, unbekannter Zeit und gab mutmaßlich den Anlaß zur Entstehung Priens. Ein Weg von unten zu ihr hinauf ward mit "Stationsmerkmalen" versehen, und wo an seinem Anfang die oft aus beträchtlicher Entfernung kommenden Wallfahrer sich versammelten, wurden für ihre seelischen wie auch leiblichen Bedürfnisse einige Hütten erbaut, in denen eine Feilbietung von Kruzifixen, Rosenkränzen, Heiligenbildnissen stattfand, desgleichen ebenfalls von Brot und Getränk für die hungrig und durstig Eintreffenden.
Im Nordwesten erhebt sich wallähnlich zu einem langen Hügelrücken die "Ratzinger Höhe", auf der da und dort Überreste römischer Befestiungswälle noch erkennbar sind; zwischen tiefem Walddickicht verbirgt sich das Unterstück eines großviereckigen, aus mörtellosem Gestein errichteten Turmes, der einstmals ein weit umherblickender Wartturm
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und zur Erfüllung dieses Zweckes um vieles höher gewesen sein muss. Die Römer überspannen in ihren germanischen Provinzen die Landschaft überall mit solchen Umsichtswarten, von denen Signale und bei Nacht Feuerzeichen Botschaften an die benachbarten weitergaben. Darauf beruhte wesentlich die Sicherung ihrer Herrschaft und ihrer Truppen, ganz besonders in Noricum, denn bis zur Donau reichte von Norden her der unablässige Andrang zahlreicher wildmutiger germanischer Volksstämme, und endlose schwarze Wälder konnten das Herankommen feindlicher Schwärme bis auf geringe Entfernung verdeckt halten. Wer die Gegend an der Westseite des Chiemsees topographisch betrachtet, vermag kaum daran zu zweifeln, daß auch auf dem "Höhenberg" ein solcher Signalwartturm - eine specula - gestanden und in die Ferne geschaut haben muss. Aber es sind auf ihm keinerlei, ob auch noch so geringe Spuren davon zu entdecken. Jahrhunderte türmten Steine aufeinander, und andere Jahrhunderte, fast zu zwei Jahrtausenden anwachsend, kamen und trugen sie wieder ab, daß nichts von ihnen übrig blieb. "Steine sammeln und Steine zerstreuen," sagt der hebräische Philosoph, "hat seine Zeit" ...
Wo sollte denn eigentlich das fabelhafte Pirunum gelegen haben, von dem ebensowenig irgendein Überbleibsel Kunde gibt wie von der fast mit Gewißheit anzunehmenden ehemaligen specula auf dem Höhenberg? Bei jahrzehntelangem sechsmonatigem Sommeraufenthalt sucht man sich unwillkürlich eine Vorstellung davon zu machen, an welcher Stelle es gelegen haben k ö n n t e.
Doch alles schweigt; nicht nur die ältesten schriftlichen Hinterlassenschaften der beiden Inselklöster im Chiemsee. die sich sonst ein Verdienst der Aufbewahrung mancher Berichte seit ihrer Gründungszeit erworben, sondern ebenso schweigt auch die Landschaft. Von einem Pirunum teilt diese sowenig irgend etwas mit wie die Klosterannalen. Niemand auch vermag anzugeben, woher der Name stammt; er ist nur ein Laut, der einmal ungewiß in der Luft des Volksmundes aufgeklungen zu sein scheint, wie das Gemurmel eines Tannenwipfels im Nachtwinde. Die Geschichte berichtet allein im allgemeinen, daß die Provinz Noricum mehrere Jahrhunderte hindurch ein weites Gebiet vom heutigen Kärnten und Steiermark nördlich bis zur Donau und westlich bis zum Inn umfaßt habe. So schloß sie, jenseits dieses Flusses von der Provinz Vindelicia oder Rätia begrenzt, auch die Umgebung des Chiemsees in sich ein, dessen östlichem Rande unweit benachbart die wichtige Stadt Juvavum - das spätere Salzburg - mit ihrem noch wichtigeren, auf steilen Felsen erbauten Castrum lag. Römische Befestigungen hielten also jedenfalls auch um den See her sorgliche Wacht.
Auch die Salvatorkirche hält ihre Vergangenheit mit Schweigen umhüllt ud täuscht durch das Aussehen über ihr hohes Alter. Sie mag mehrfach in Verfall geraten und wieder erneuert worden sein; eine Untersuchung ihres Fundaments würde wahrscheinlich einen Anhalt für die Zeit ihres ersten Aufbaues ergeben.
Dicht hinter meinem Landhause steigt ein mäßiger Hügel an, der oben ein Gedächtnis an uralte Tage forterhält, ein paar tiefe und eigenartige Einmuldungen. Menschenhände können nie ein Interesse an ihrer völlig zwecklosen Herstellung gehabt haben; sie müssen von herübergedrungenen Gletschermassen das Hochgebirge als Relikte einer der Eiszeiten ausgeschürft worden sein. Der Felsgrund des Hügels besteht aus Schiefer und sondert ziemlich stark schwefelhaltige Wasser ab, das einen unterirdischen Lauf nach der Kirche zu nimmt, in ihr als Brunnenquell zutage tritt. Das frühe Mittelalter sah schwefliges Wasser als einen von göttlicher Gnade aus dem Erdinnern heraufgesandten Heilborn an; sollte ihm etwa die Wallfahrtskirche ihre Erbauung verdankt haben?
Ihr gerade gegenüber liegt ein kleiner Friedhof, erst vor einem Menschenalter zur Bestattung der in einigen nahen Dörfern Verstorbenen, die bis dahin in Prien beerdigt wurden, angelegt; alle Kreuze und Gedenksteine sind noch fast blinkend neu, lassen erkennen, daß sie noch nicht lange dem Sonnenbrand und Regensturm ausgesetzt gewesen. Aber sonderbar - bei besonders tiefer Höhlung einer Gruft steiß man neuerdings durch Zufall auf etwas Fremdartiges, anfangs völlig Unverständliches, das sich dann für Sachkundige als eine Schicht altallemannischer Reihengräber herausstellte. Der neue Friedhof war über einer uralten, seit Jahrtausenden vergessenen, unbekannt gewesenen Begräbnisstelle hergerichtet worden. Ahnungs-
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los gehen wir täglich an zahllosen Stellen über eine verschollene, sich stumm in der Erde bergende Vergangenheit hin. -
Schön liegt die kleine Hochfläche zwischen der Kirche und dem Höhenberge an sonnigem Frühlings- und Sommertage vor meiner Gartenpforte da. Im Frühling besonders. Auf die Wiesen ist im Gange der Zeit mancherlei von Alpenpflanzen herabgewandert, die ihre Blütenkelche zwischen die der landsässigen zu farbenreichem Schmuck einmischen. Wie flimmert unter dem blauen Himmelsdach im Strahlengewoge die von ihm zum Leben geweckte Lenzpracht! Ein lindleiser Hauch bewegt die grünen Halme; es tönt, als summe der weiche Wind ihnen ein frohlockendes Lied: erst das aufhorchende Ohr vernimmt, daß es wie von einem durch die Luft gewobenen Klangnetz von Lerchengetriller aus der Höhe herabkommt. Dann rückt mählich die Jahreszeit zum Sommer vor: auf den leichtgewellt sich niedersenkenden Kornäckern beginnen die Weizenähren einen goldenen Glanz anzunehmen, Zyanen, Mohn und Raden umgürten leuchtend ihre Ränder, dazwischen emporkletternd schlägt der Venusspiegel, das reizvollste von den nahen Bergen herübergesandte Angebinde, tauendfältig seine veilchenfarbigen Glockenaugen auf. Nicht minder schön ist's so als beim ersten Frühlingsgruß der Wiesen, mit dem poetischen Blumenzauber auch noch die Verheißung reicher Ernte für den Lebensbedarf vereinigend. Vorbeischreitende Bauern prüfen mit der Hand den Körnerinhalt der Ähren; so haben ihre Vorfahren es seit undenklicher Zeit, vom Dorf droben herunterwandernd, immer getan, denn immer die kleine Fläche, Blüten und Frucht zeitigend, so gelegen.
Nur seltsam - ein paarmal hat die Pflugschar aus dem Erdreich dieser Äcker kleine kupferne und silberne Münzscheiben, auch eine goldene, aufgeworfen, die dem Finder etwas ihm völlig Unbekanntes vor Augen brachten. Erst Fachkundige vermochten nach Umschriften auf ihnen festzustellen, daß sie die Bildnisse der römischen Kaiser Trajanus und Marcus Aurelius trügen und seit siebzehn Jahrhunderten hier im Boden verborgen gewesen sein müßten.
Auf welche Weise konnten diese Münzen in die Erde der Kornfelder geraten sein?
Ich erinnere mich, daß an dem Tage, als ich zum ersten Mal davon hörte, plötzlich die kleine Hochfläche vor mir ein sonderbares Gesicht annahm. Es ging etwas mit ihr vor, aber ich konnte nicht sagen, was es sei. Obgleich sie im hellen Tageslichte dalag, zog ein ungewisses Sichregen und -bewegen drüber hin, wie man etwas nicht unterscheidbar in tiefem Dämmern oder zuweilen auch im Traume sieht.
Im Traume, glaube ich, hat sich's mehrfach vor meinen Augen so zugetragen, doch nach Art der Träume, die dem am Morgen Erwachenden meistens nur schattenhaft durcheinander zerrinnende Erinnerungsbilder hinterlassen.
* * *
Noch eigner als am Tage ist's, in einer wolkenlosen Sommermondnacht vor die Gartenpforte hinauszutreten. Dann heben sich die alte Kirche und die langhin fest zusammengeschlossenen hohen Baumkronen über der Prienschlucht als tiefschwarze Schattenrisse von dem Hintergrunde ab, den in weitem Halbbogen, wie aus mattem Silber gebildet, die vielgegipfelte und -gezinnte Alpenkette herumschlingt. Einzelne große Sternbilder trotzen noch der Mondherrschaft, werfen ihr Strahlengefunkel, das vielleicht vor Jahrhunderten oder schon Jahrtausenden seinen Lichtweg zu uns begonnen, herab; eine Stille ohne Laut und Regung liegt nicht nur auf der Erde, schein auch den ganzen Weltenraum zu erfüllen. Nah vor hält ein weißer Glanz die kleine Acker- und Wiesenfläche überspreitet; man glaubt fast wie in Tageshelle zu stehen, nur reicht trotzdem der Blick nicht weit zu genauem Erkennen. Schon auf geringe Entfernung hin legt es sich vor ihn wie ein glimmernde Gespinst, beginnt ein unsicheres Weben.
Ein traumhaftes Denken und Empfinden: der Stern dort über mir hat vielleicht an der Stelle gestanden, wo meine Augen ihn heute sehen, als die römischen Legionen noch erzklirrend die Provinz Noricum unter ihrer Herrschaft gehalten. So lange hat seine Lichtwelle gebraucht, um bis hierher zu gelangen; jetzt steht er möglicherweise mit seiner Sonnenglanzfülle an ganz anderem Himmelsfleck, aber meinen suchenden Blick berührt keine Ahnung davon, wo.
Ein leises Laubgemurmel kommt hinter mir vom Wipfel der Linde in meinen Garten hinunter. Ich drehe mich unwillkürlich
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um; hat der Wind etwas zu ihr gesagt? Mir hallt's im Ohr nach, als hätte er gesummt: "Trajan - Marc Aurel - -"
Wie mein Kopf sich wieder zurückwendet, stutze ich einen Augenblick wie vor einem Trugbilde, etwas nicht gleich Begreiflichem. Dann aber sehe ich's deutlich - und eigentlich ohne Verwunderung - , daß sich eine seltsame Veränderung vor mir vollzogen hat.
Nicht an dem großen Rahmen umher; der mattsilberne, mächtige Kuppenhalbkreis des Hochgebirges und vor ihm der schwarze Schattenriß des Baumgürtels über der Prienschlucht agen noch ebenso. Nur die alte Salvatorkirche mit ihrem Haubenturm war weggeschwunden, an ihrem Platz ragte hallenartig ein niedrigerer Bau empor, erkennbar von vierkantigen, aus Bruchsteinen aufgemauerten Portikuspfeilern getragen, denn der Mond warf Lichtbänder zwischen ihnen hindurch. Von dorther bis gegen den Höhenberg hinan aber hatte die Fläche sich vollständig verwandelt, war in die Höhe gewachsen. Ihr ganz entlang zog sich ein hoher, steil abfallender Erdwall mit einem breiten Graben davor, an seinen beiden Ende von massigen steinernen Ecktürmen begrenzt, die über sich umzinnte Plattformen trugen. In der Nähe ließ sich über den Wall nicht wegblicken, doch weiterhin nahm man wahr, daß er in gleicher Weise nach Osten herumlaufe, auch drüben ebenso von zwei Türmen eingefaßt. Ungewiß schimmerten da und dort die Oberteile einiger langgestreckter grauer Bauwerke mit glatten Dächern herüber, mußten umfängliche, zur Unterkunft einer beträchtlichen Menschenzahl aus Holzgebälk errichtete Häuser sein.
Es ließ keinen Zweifel, ein römisches castrum hibernum dehnte sich vor mir aus, ein Standlager, nicht nur für die Sommerzeit, auch zum Überstehen des harten Winters hergestellt. Nah zu meiner Rechten durchquerte ein Wall den schmalen Einschnitt, doch von einem Torbollwerk verschlossen, über dem eine Stange in die Luft stieg, von einem vergoldeten Adler gekrönt, auf dessen ausgebreiteten Schwingen die Mondstahlen glitzerten. Reglos und lautlos lag das alles in der vorrückenden Nacht; offenbar umfing die Besatzung des Lagers tiefer Schlaf.
Dann jedoch klirrte ein leichtes Geräusch durch die Stille. Ein Riegel ward an dem kleinen Tor zurückgeschoben, es ging auf und zugleich senkte sich ein schmaler Fallsteg über den Graben herunter. Ein kraftvoller junger Kriegsmann trat darüber ins Freie hinaus, augenscheinlich ein mit der nächtlichen Lagerwacht Betrauter; seine panzerbedeckte Brust, das kurze Schwert an der Seite und das Pilum - der Wurfspieß - in der Hand kennzeichneten ihn als einen Hastatus; auf dem Kopf trug er einen festanliegenden, mit ehernen Beschlägen versehenen Lederhelm, eine Galea. Sein Blick wandte sich suchend dem grünen Schieferhügel zu, auf dessen Höhe vereinzelte Bäume als dunkle Umrisse gegen den Himmel standen. Deutlich ließen sich seine Züge erkennen; sie waren einnehmend gebildet, ihr Schnitt und das dunkle Haar wiesen auf einen Südländer von jenseits der Alpen hin; nach hergebrachtem römischem Soldatenbrauch trug er das Gesicht bartlos. Aus diesem und seinen umschauenden Augen sprach eine Ungeduld; so schritt er hin und wieder, Ich meinte, er müsse mich gewahren, und tat unwillkürlich etwas zurück. Doch war's unnötig, er achtete nicht auf mich, obwohl sein Gang ihn dicht an mir vorüberbrachte.
Aber dann erklang plötzlich einmal seine Stimme: "Du kommst spät heute, ich habe wohl schon seit Stunden nach dir ausgesehen!"
Ich weiß nicht recht zu sagen, in welcher Sprache oder Mundart ihm die Worte von den Lippen kamen, nur daß ich sie verstand, wie ebenso alle, die ihnen nachfolgten, als ob es deutsche unserer Gegenwart seien. Nun sah ich auch, wen er damit anredete; vom Hügel war ein Schatten herabgehuscht, hatte Gestalt angenommen und stand jetzt als ein Weib, eine noch ganz junge Dirne da. Sie antwortete: "Ich konnte nicht eher von Hause weg, Gallus."
....
R.J.A.Pohl:
Wilhelm Jensen
Stilistik (Beobachtungen an "Vor meiner Gartentür", 1910) -
eine Ars poetica historischen Phantasierens
Motto zu "Auf dem Vestenstein", posthum 1912:
Was niemand schrieb, das meldet euch der Dichter.
Wo Dunkel sich auf lang Verschollnes streckt,
Hellt er die Nacht; verworrner Kunde Schlichter,
Entwirrt er deutend sie. Vom Schlaf erweckt
Die Toten er, verkündet als Berichter,
Was ihre Brust dem Blick ihm aufgedeckt.
Im Zwange frei, belebt er zum Gedichte
Mit warmem Menschenherzschlag die Geschichte.
Strukturelles:
Reihenfolge beachten!
1. Gesamtblick des Erzählers (noch "man") auf die Topographie des Ortes in seiner vertrauten Umgebung
a) Bodenformen und Vor-Geschichte: von präzisem Wissen zum spekulativen, dann fokussierend auf Bauten: Wallfahrtskirche, Friedhof s.sp. die Wiederaufnahme thematisch
(Verwendung resumierender langer Partizipien Perfekt, Relativsätze, Semikola, aber auch statische Part. Präsens in Endstellung: Satzlänge retardierend bis hin zu S. 761: "Im Frühling besonders." )
b) Motive für die spätere Handlung angedeutet: der imaginierte Turm als Signalturm/Funktion/Zitat Prediger: "alles hat seine Zeit".
Offene Frage: wo war der Ort Pirunum?
c) Jahres- und Tageszeiten: später vom Frühling an aus Bauernsicht/Kornernte
d) Defizitäres: Schweigen der Natur dto. Klosterannalen: dafür
Vermutungen ( Idee des Palimpsestes dto. in "Die Namenlosen": Verborgene Strukturen (wie der Friedhof unter dem Friedhof) hier und erste Projektionen,
zeitliche Entgrenzungen
e) St. Salvator-Quelle: Höhlungen/alter Friedhof
Emphase: Gartenpforte: "Schön" persönliches ästhetisches Erlebnis : nun die Jahreszeiten mit Ernte: detaillierte Pflanzenpracht, Superlative Exclamatio: 2x, "wie..."- Vergleiche
f) Personen: man, wir, Ich: verwundert über röm. Münzenfunde
führt zu 761 ein "sonderbares Gesicht" d.h. Anblick, Natur und Geschichte vereinen sich zu neuer Perspektive der Hochfläche: (noch ungenau, nicht sagbar)
Ungewisses wie Traum
mehrfach vor meinen Augen so wie im Traum:
"schattenhaft, beim Erwachen zerrinnende Erinnerungsbilder:"
dann drei Sterne Abschnittende der Einleitung, die tranzendiert endet.
Kein Zweifel mehran der Wahrnehmung und am Nachtpanorama: jetzt sind im Mondlicht die Gebäude verwandelt: Sankt Salvator erweist sich als Lagerturm.
Dieser Übergang des Tageseindrücke über historische Reflektion in Gewand der verwandelnden Nacht qua Traumparallele thematisiert natürlich bei dem Vertreter des poetischen Historismus/Realismus eine historische Szene: vom Dekor/Lager und Landschaft tauchen wir ein in die 1. Szene mit den Personen, die jetzt von WJ historisiert verlebendigt werden. Dann nimmt später die Projektion ab zugunsten einer Eigengesetzlichkeit und Dynamik: hier ein nächtliches Rendez-vous zwischen Römer und Anwohnerin, wieder Jensen-typisch in verbotener Situation zwischen eigentlich Inkompatiblem, so dass schon der Konflikt latent da ist und nun seine Dynamik bzw. zu erwartende Tragik entrollt. Wichtig: die deskriptive Optik bleibt, der Beobachter ist Zeuge.
WJ hat die eigene Gartenlage am hist. Ort qua historischer Halluzination jetzt der Imagination und seinen Standardthemen/Personen anvertraut.
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