Samstag, 7. Mai 2022

 Les amis de Wilhelm Jensen

 

Bulletin 3

Februar 2022

 

Inhalt:

 

1. Nachrichten

2. Michel Valtin: Wilhelm Jensen und Freud

(Übersetzung von Auszügen aus dem Essay mit Originalzitaten, R.P.)

3. Jensen und Frankreich I: Treffen mit Victor Hugo 1871

 

 

1. Nachrichten

 

Während der Winterpause des Heimatmuseums in Heiligenhafen gab es nur wenige Signale über eine Neuorientierung mit Hilfe der Fielmann-Stiftung, die erste Vorschläge schon Anfang Dezember der Heiligenhafener Post vorstellte. Das literarische Konzept mit Storm und Jensen soll modernisiert fortgesetzt werden. Ob es großzügigere Zugangsmöglichkeiten geben wird, scheint noch offen zu sein, obwohl die nächste Saison Anfang April mit der Wiedereröffnung beginnt. Auch aus dem Stadtarchiv war nichts zu hören, über das Hartmut Heyck, der Urenkel Jensens aus Kanada, der Stiftung eine Sammlung wertvoller Erstausgaben angeboten hatte.

Vielleicht ist unsere Erwartung, eine möglichst umfangreiche repräsentative Jensensammlung in seiner Geburtsstadt zu initiieren, zu optimistisch. Wenn es nur eine kleine Lösung gibt, fragt es sich, ob die Auswahl seiner Bücher nach dem Überraschungsfund im Museum selber für diese Zwecke nicht ausreicht. 

 

2. Michel Valtin

 

"Freud und Gradiva von Jensen"

In: La petite revue de l'indiscipline 205, 2017, S. 42-44. 31-36.39.

 

(...)

 

    Wir haben zunächst aufgewiesen, dass Freud im Gegensatz zu dem, was er im zweiten Teil seines Essays über Gradivaversichert, "wir" nicht in unserem Resumé die Novelle "fast durchwegs aus den eigenen Worten des Dichters widergaben, Text wie Kommentar von ihm selbst besorgen ließen" (S. 80), sondern im Gegenteil ziemlich oft seine eigenen Begriffe, seinen eigenen Kommentar und seine eigenen Worte dabei einfließen lässt.

    Freud führt besonders in seiner Zusammenfassung das Wort "Verdrängung" ein, und wir haben uns bemüht nachzuweisen, dass der von ihm zitierte Fall des Jünglings, der seine Sexualität zu verdrängen sucht, indem er sich mit Eifer auf die Mathematik stürzt, nicht genau dem Bild des jungen Nobert Hanold entspricht.

    In einem Kapitel mit dem Titel "Poesie und Neurose oder Wissenschaft und Neurose?" zeigten wir, dass Freud und Jensen nicht dieselbe Auffassung von Wissenschaft und Wissenschaftlern haben und sie nicht auf dieselbe Art und Weise darstellen.

    "Durch welche Einwirkungen unser Held in den Zustand der Abwendung vom Weibe geraten ist, läßt uns der Dichter nicht verfolgen; er gibt uns nur an, solches Verhalten sei nicht durch seine Anlage erklärt, die vielmehr ein Stück phantastisches - wie dürfen ergänzen erotisches - Bedürfnis mit einschließt." (82)

 (hier 43:)

 

     In der Tat, antworten wir, scheint es, dass für Jensen das Verhalten Norbert Hanolds in Bezug auf junge Frauen sich in keinster Weise von einer Anlage her erklären lässt, im Gegenteil, da der Autor aus dem ausschließlichen Interesse Norberts für die Archäologie den Einfluss der Erziehung und der psychologischen Vorbereitung betont, denen er unterlag.

    Freud stellt den Einfluss der familiären Erziehung in sehr abgeschwächter Weise da: "die Familientradition hat ihn zur Archäologie bestimmt".

    Jensen äußert sich dazu sehr viel entschiedener: 

    "Von seiner frühen Kindheit auf hatte im Elternhaus kein Zweifel darüber bestanden, daß er als einziger Sohn eines Universitätsprofessors und Altertumsforschers berufen sei, durch die nämliche Tätigkeit den Glanz des väterlichen Namens weiterzuerhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen." (140)

    Dieser Familienerziehung stellt Jensen den Begriff der "Natur" entgegen:

    Ist für Jensen die wissenschaftliche Aktivität Norberts, dem die Natur eine überaus lebhafte Phantasie ins Blut gelegt hatte, "die im Grunde seinen Kopf für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet machte", diese nicht die Folge der Erziehung und der psychologischen Vorbereitung auf eine uneigentliche Wissenschaftlichkeit, da sie ja der Familienehre dient? Und ist deshalb in letzter Schlußfolgerung für Jensen das krankhafte Verhalten Norbert Hanolds nicht die Folge seiner sozialen Umgebung?

 

(44:)

 

    Diesen Konflikt zwischen Erziehung und Natur  ersetzt Freud durch "fantastische Bedürfnisse" und glaubt "erotische" hinzufügen zu können mit der Kraft der Verdrängung, erotische Bedürfnisse, die auf die Kindheit Norbert Hanolds verweisen würden.

 

    Augenscheinlich, so schließen wir, sind die Standpunkte Jensens und Freuds in diesem Punkt etwas unterschiedlich, und was Freud die "Übereinstimmung in den Resultaten"  nennt, ist nicht so groß ist wie er vorgibt. 

    Die festgestellten Unterschiede zwischen der Fachsprache Freuds und der Sprache Jensens sind nicht ohne signifikante Bedeutung: sie stehen für verschiedene Konzeptionen, zumindest in einigen Punkten. Können infolgedessen diejenigen Jensens als wirklich "korrekt" angesehen werden, wenn wir unter "korrekt" verstehen, dass sie mit den Konzepten Freuds übereinstimmen? 

 

 

(hier S. 31:)

 

10. Jensens Geisteshaltung, ein absolut durchschaubares Medium?

 

    Hat Freud sich in perfekter Weise an die Lektüre der "Gradiva" angepasst? Oder hat er teilweise seine Erfahrung als Psychiater auf die Novelle Jensens und die Personen des Autors übertragen? Zu Beginn des zweiten Kapitels seines Essays schreibt er:

    "Unsere Leser werden gewiss mit Befremden bemerkt haben, daß wir Norbert Hanold und ZoëBertgang in allen ihren seelischen Äußerungen und Tätigkeiten bisher behandelt haben, als wären sie wirklich Individuen und nicht Geschöpfe eines Dichters, als wäre der Sinn des Dichters ein absolut durchlässiges, nicht ein brechendes oder trübendes Medium." (78) Auf den Vorwurf, dass Jensen nur ein "Phantasiestück" hat schreiben wollen, antwortet Freud: "Wir finden aber alle seine Schilderungen der Wirklichkeit so getreu nachgebildet, daß wir keinen Widerspruch äußern würden, wenn die "Gradiva" nicht ein Phantasiestück, sondern eine psychiatrische Studie hieße."(78)

    Ist jedoch diese von ihm angesprochene "Wirklichkeit" nicht eher die klinische, wie er sie versteht, als die Wirklichkeit an sich oder eher diejenige, die die Novelle vor Augen führt?

(32:)

 

    Abgesehen von zwei Voraussetzungen, so Freud, "hat uns der Dichter eine völlig korrekte psychiatrische Studie geliefert, an welcher wir unser Verständnis des Seelenlebens messen dürfen, eine Kranken- und Heilungsgeschichte, wie zur Entschärfung gewisser fundamentaler Lehren der ärztlichen Seelenkunde bestimmt. Sonderbar genug, daß der Dichter dies getan haben sollte! Wie nun, wenn er auf Befragen diese Absicht ganz und gar in Abrede stellte? Es ist so leicht anzugleichen und unterzulegen; sind es nicht vielmehr wir, die in die schöne poetische Erzählung einen Sinn hineingeheimnissen, der dem Dichter sehr ferne liegt?" (80)

     

     Nehmen wir mal an, dass Jensens Novelle in einem gewissen Maße einen geheimen Sinn für den Autor selber haben könnte wie vielleicht die Kindheitserinnerung, die Goethe in Dichtung und Wahrheitheraufbeschwört? Dann müsste dieser geheime Sinn mit dem Teil des Unbewussten übereinstimmen, den der Autor wirklich in seiner Novelle ausdrückt und nicht nur einfach das Unbewusste sein, das Freud ihm zuspricht und auch nicht die verzerrte Art, in der (wegen seines eigenen Unbewussten und seiner eigenen Begriffe) der Psychoanalytiker das Unbewusste des Dichters wahrnimmt.

 

    In dem Glauben, ein Phantasiestück zu schreiben hätte Jensen, ohne es zu wissen, eine psychiatrische Studie erstellt, eine perfekt korrekte Wiedergabe einer psychischen Krankheit und ihrer Heilung. Würde es nicht eher Freud sein, der, ohne es zu wissen, zumindest in gewissen Maße, gewisse Aspekte der Novelle falsch verstanden und sie dadurch deformiert hätte?

(33:)

 

     Jensens Geist ist sicherlich kein absolut durchschaubares Medium, doch bildet er zweifellos begriffliche Vorstellungen aus, die, zumindest in gewissem Maße, ihm eigen sind.

     Was den Geist Freuds betrifft, ist es sicher, dass er immer wirkliche Individuen sieht (ohne von den Romanfiguren zu reden), als wäre sein Geist ein absolut durchschaubares Medium.

     Etwas später in diesem Kapitel berichtet Freud von seiner Überraschung                       seiner ersten Lektüre der Gradiva, in dieser Novelle zu wiederzufinden, "daß der Dichter seiner Schöpfung das nämliche zugrunde lege, was er aus den Quellen ärztlicher Erfahrung als neu zu schöpfen vermeinte. Wie kam der Dichter nur zu dem gleichen Wissen wie der Arzt oder wenigstens zu dem Benehmen, als ob er das gleiche wisse?"(91)

    Hat Freud damals nicht in diesem Dichter eine Art Doppelgänger zu sehen geglaubt?

    In Wirklichkeit verfügen der Dichter und der Arzt nicht über dasselbe Wissen. Sie haben verschiedene Lebenserfahrungen gemacht und eine unterschiedliche intellektuelle Entwicklung, die sie zu unterschiedlichen Begrifflichkeiten geführt hat, die aber eventuell, sollte das keine Illusion sein, in gewissen Punkten übereinstimmen. Vor allem konnte Jensen kaum die klinische Erfahrung Freuds erworben haben. Der Dichter hat sich auch nicht so verhalten, als hätte er dasselbe Wissen, und dafür ist der beste Beweis, dass er seinem Helden weder eine kindliche Sexualität noch eine kindliche Verdrängung gegeben hat.

     Freud, so scheint mir, kann nicht den Eindruck gehabt haben, dass der Dichter über dasselbe Wissen verfüge wie er selber, weil er sein eigenes Wissen auf das Werk des Dichters projiziert und ihm dies zugesprochen hat.

(34:)

    Auf diese Weise hat er ihm sogar, wir haben es gesehen, eine "völlige Übereinstimmung mit der Wissenschaft" zugebilligt in der Frage des Ursachen der Entstehung des Fetichismus!

    Freud denkt, dass der Dichter und der Psychoanalytiker aus derselben Quelle, nämlich dem Unbewussten schöpfen.

    Aber, um es noch einmal zu fragen, wäre das Unbewusste des Dichters genau dasselbe wie das des Psychoanalytikers? Und warum hätte Jensen nicht auch in großen Maße aus der Quelle seiner bewusst gewordenen Erfahrung geschöpft?

 

 

11. Übereinstimmungen und Unterschiede in den Fachausdrücken Freuds und Jensens

 

  In dem Konflikt, der Freud in einen Gegensatz zur Wissenschaft seiner Zeit  stellt, ergreift er im zweiten Kapitel Partei für die korrekte Wiedergabe der Entstehung eines Wahns, den er in der Novelle Jensens konstatiert: "Die Wissenschaft besteht nicht vor der Leistung des Dichters" Und er zählt die wichtigsten Lücken dieser Wissenschaft auf: "Sie ahnt noch nicht die Bedeutung der Verdrängung, erkennt nicht, daß sie zur Erklärung der Welt psychopathologischer Erscheinungen durchaus des Unbewußten bedarf, sie sucht den Grund des Wahnes nicht in einem psychischen Konflikt und erfaßt die Symptome desselben nicht als Kompromißbildung." (89)

     Indessen stimmen Freud und Jensen nur teilweise überein. Wir haben gesehen: für Jensen scheint es keine kindliche Sexualität zu geben und auch keine kindliche Verdrängung so wie Freud sie versteht, und das Unbewusste

(35:)

ist nicht als Folge der kindlichen Verdrängung konzipiert. Gewiss, Norbert Hanold, wie Jensen in seinem zweiten Brief sagt, "versteht nichts von dem, was in ihm passiert", er "ist im Irrtum über sich selbst" und befindet sich " ständig einer Illusion unterworfen". Aber in seinem Fall handelt es sich eher statt einer Verdrängung um eine Unterdrückung, die zum großen Teil von seiner Erziehung herrührt, eine Unterdrückung jedes Begehrens, das nicht mit der Archäologie und der Idealisierung der Antike in Verbindung steht. Die Übereinstimmung erscheint eher in Bezug auf den psychischen Konflikt und der Bildung von Kompromissen.

    Einige Linien weiter versichert Freud, er vertrete selber "alle Anschauungen, die er hier aus der 'Gradiva' von W. Jensen herausgeholt und in den Fachausdrücken dargestellt hat".

    Dennoch hat er sie nur für einen Teil aus der Novelle abgeleitet und für den Rest scheint er sie eher mit Nachdruck eingeführt zu haben im Besonderen die kindliche Sexulalität und den Fetichismus. Freud hat eine Übereinstimmung seines Standpunktes mit dem Jensens zu sehen geglaubt, ohne hinreichende Aufmerksamkeit den Unterschieden ihrer Konzepte zu schenken.

    Im zweiten Teil seines Essays führt Freud in Bezug auf die Träume den Begriff der "Regeln" ein, und als er in Kapitel IV die Hypothese einer generellen Zurückweisung von Seiten des Dichters aufstellt, schreibt er:

    "Vielleicht stellt er überhaupt die Kenntnis der Regeln in Abrede, deren Befolgung wir bei ihm nachgewiesen haben, und verleugnet alle die Absichten, die wir in seiner Schöpfung erkannt haben." (122)

   Scheinbar hat Freud die Träume Norberts so überzeugend interpretiert, dass Jensen keinen Einwand dagegen hervorbringt. Diese Träume sind für die Wünsche und die Konflikte seiner Hauptperson bedeutsam. Der Dichter, der 

(36)

in seinem ersten Brief sein Einverständnis mit Freuds Interpretation erklärt hat, was das Ganze und das Wesentliche angeht, könnte dies augenscheinlich auch in diesem Punkte ebenfalls (vgl. dazu Freuds Anmerkung in "Die Traumdeutung", II, 1909).

    Aber Jensen hat nur einen Einzelfall dargestellt und keineswegs vorgegeben, eine allgemeine Traumtheorie zu begründen, und dies noch weniger in Bezug auf die Psychopathologie und das Hineingleiten in paranoische Wahnzustände.

    Ohne über dieselbe Kenntnis der Träume wie Freud zu verfügen mit all ihren komplexen Regeln, die nach denen einer großen Anzahl von Individuen, erstellt wurden, Hat Jensen einige Beobachtungen bei seinen eigenen Träumen und denen anderer Träumer machen können. Notgedrungen hat er sich eine Vorstellung von Träumen zurechtgelegt, ohne die er ganz einfach seine Novelle nicht hätte schreiben können. Doch Träume erscheinen auch in vielen seiner anderen Werke. Haben sie dieselbe Funktion, enthüllen sie Wünsche und Konflikte ihrer Personen? Freud scheint insgesamt nur drei Novellen Jensens gelesen und sich offenbar diese Frage nicht gestellt zu haben.

 

...

 

 

 

(39:)

 

13. Freud und Jensens Einladung

 

    In seinem zweiten Brief schließt Jensen die Auskünfte, die er Freud geliefert hat, folgendermaßen ab:

    "Weiteres, wertester Herr, vermag ich auf ihre Frage nicht zu erwidern,... "

    Und er schließt mit einer Einladung: 

    "füge nur noch hinzu, daß es meine Frau wie mich sehr erfreuen würde, wenn Ihr Weg während der Sommerzeit in unsere Gegend führte und Sie zur Einkehr in dem oben abgebildeten, 20 Minuten vom Priener Bahnhof entfernten Landhäuschen veranlasste."

    Hätte sich Freud etwas Besseres wünschen können? Wenn die Antworten Jensens wenig genau erschienen, hätte er nicht seine Einladung annehmen und als ersten Schritt mit ihm freundschaftlichere Beziehungen herstellen können? In der Hoffnung, infolgedessen in gewissen dunkel gebliebenen Fragen klarer sehen zu können?

    Jensen war bereit, wie wir gesehen haben, die kommenden Nummern der Serie zu lesen, in der Freuds Essai erschienen war. 

    War Freud bereit, die Werke Jensens zu lesen, die er noch nicht kannte?

Gewiss, Freud hat auf Anregung Jungs zwei weitere Novellen Jensens gelesen. Doch das ist sehr wenig. Wenn er Jensen hätte besser verstehen wollen, wäre es nicht das erste gewesen, alle seine anderen Werke einzusehen oder zumindest einen Großteil von ihnen?

 

 

3. Jensen und Frankreich I: 

 

"Victor Hugo, mit dem ich am Tage nach der Capitulation von Paris in einem Café in der rue Rivoli zusammentraf, ..." 

 

(Wilhelm und Marie Jensen an Raabe

Flensburg 5.3.1871, in:  

Briefwechsel Raabe-Jensen, Göttingen 1970, S. 132-136, Zitat von S. 132)

 

Datierung:

5.7.1870 Rückkehr Hugos von Guernsey

2.1.1871 Daumier zum Essen bei Hugo in Paris

18.1. Kaiserproklamation in Versailles

26.1.1871 Waffenstillstand zwischen Frankreich und Preußen unterzeichnet durch Favre/Bismarck in Versailles

28.1. Verkündung

8.2. Wahlen zur Assemblée Nationale gemäß Waffenstillstands-Vertrag: Hugo republikanischer Abgeordneter

13.2. Abreise Hugos mit Familie nach Bordeaux, dem neuen Sitz der Assemblée

1.3. Einzug preußischer Truppen in Paris

18.3. Beginn der Kommune

20.3. Hugo reist nach Brüssel

 

Erste Irritation:

War Jensens Treffen mit Hugo demnach am 29.1.1871 vor dem deutschen Einmarsch? Konnten Zivilisten ungefährdet schon vorher in die Stadt? 

 

Zweite Irritation: Terminologie

Jensen spricht von der Kapitulation von Paris, die es eigentlich nicht gegeben hat, sondern einen Waffenstillstand ("armistice").  Allerdings erscheint am 29.1.71 ein Flensburger Extrablatt: "Pariser Forts kapituliert", aus dem er diesen Begriff verwendet - vor Ort. Befremdlich ist zudem der nicht korrekte Straßenname für die Rue de Rivoli. Hängt die Wahl des fingierten Treffpunkts damit zusammen, dass Hugo vor dem Exil an der nahen Place des Voges wohnte?

 

Dritte Irritation:

Briefliche Belege für eine Verabredung sind bisher nicht auffindbar.

 

Vierte Irritation:

 Jensens Tochter Marie Elisabeth war Weihnachten 1870 ohne Probleme zur Welt gekommen, so dass einer (dienstlichen) Reise keine Rücksichtsnahmen mehr im Wege standen. Aus welchem Grunde sollte er sich vor dem noch nicht absehbaren Waffenstillstand in Gefahr begeben? Fontanes Gefangennahme war noch frisch im Gedächtnis.

 

 

 

Fünfte Irritation:

Warum sollte sich Victor Hugo mit einem gerade mit Novellen debütierenden Autor und nicht besonders frankreichfreundlichem Chefredakteur des Flensburger Tageblattes treffen, dessen fern am Schreibtisch verfassten Kriegslieder aus Frankreich noch nicht und ebenso seine politisch-kulturellen Artikel "Aufräumen" ("mit dem Nachäffen der französischen Sprache") erst ab Oktober 71 erschienen?

Wilhelm Jensen war durch tägliche Telegramme als Redakteur und Leitartikler des Tageblattes ("Vom Kriegsschauplatz") allerdings bestens über das Kriegsgeschehen und die Rolle Hugos informiert. Hugos Parlamentsrede gegen die Bedingungen des Friedensschlusses vom 10.3.71 ließ er mit dessen Foto abdrucken. Am 27.4.71 meldete er die Rückkehr Hugos nach Paris.

Aus seinen späteren Äußerungen weiß man, dass Jensen sich niemals im eigentlichen Frankreich aufgehalten hat. Sein Urenkel Hartmut Heyck, der uns eine kleine geographische Biographie Jensens zugesandt hat, bestätigt dies aus Familienunterlagen.

 

Der Schlüssel für die Behauptung, Victor Hugo getroffen zu haben, liegt im Briefwechsel mit Wilhelm Raabe und ist eine humorige Replik ex auctoritate, die letzteren verblüffen soll.

 

Die Familie Jensen hatte das Weihnachtsfest 1870 in Flensburg verbracht. Seitdem hatten sie von Wilhelm Raabe postalisch nichts gehört, da er an einem humoristische Roman, "Der Dräumling" arbeitete. Am 13.2. schreibt er an Jensen zwei Tage vor dessen Geburtstag: 

"Ist es denn wahr, bist Du wirklich kein Mythos?.. O Du unbestimmtes Etwas, das ich heute Wilhelm Jensen nennen will, .. vages Nebelbild, unausgesponnenes Phantasiegespinst, ..".

Am 5.3. antwortet Wilhelm und sagte, er hätte drei Briefe an Raabe seit Weihnachten geschrieben,  einen am 21.1. (von woher?) - die offenbar nicht angekommen waren. Und nun fährt Jensen selber fort (und zeigt, was seine Phantasie zusammenzuspinnen vermag):

"Victor Hugo, mit dem ich am Tage nach der Capitulation von Paris in einem Café in der rue Rivoli zusammentraf, wollte gar nicht glauben, daß Du wirklich existiertest. Er hielt Dich durchaus für eine Personifizierung der Huckebeinerei im deutschen Volkscharakter und behauptete, Du seiest französischen Ursprungs, da dieser Charakter, wie Alles Uebrige, der Literatur der "grande nation" und zwar dem "Jacques Corbeau", ich weiß nicht mehr, welches Fabliau's entlehnt sei. 'Je me figure monsieur Uckebein", sagte er, "bien raid et maigre.. par bonheur il n'existe que dans l'imagination de votre peuple barbare.."

(S. 132 f.)

Als Hugo seinen Absinth ausgeschlürft und sich entfernte hatte, nahm Jensen eine "Schneescholle, die ihm von der Hacke gefallen, ließ mir vom Juwelier ein kostbares Medaillon dafür auswählen und bewahre sie darin zu unvergänglichem Andenken an die weihevolle Stunde auf der Brust." (133) Nachweislich gab es einen Kälteeinbruch ab Januar.

Jensen kündigt dann mehr über seinen Aufenthalt in Paris in seinem nächsten Buch an "Ausdruck meiner Eindrücke in Paris unter dem Druck preußischer Bedrückung". Sapienti sat.

 

Ankündigungen:

 

Bulletin 4

 

1. Abdruck von Jensens letzter Novelle von 1910 "Vor der Gartentür" aus dem Chiemgau. Sie hat denselben Briefkopf mit Jensens Haus wie die obige Einladung an Freud.

 

2. Zur Ikonographie der "Gradiva". Ist die Ambivalenz von Grabkunst mit dem typologischen gesenkten Blick und dem Fortschreiten der Fußhaltung hinreichend geklärt? Klaus Schlagmann geht als einziger bisher auf die Grabkunst und Jensens Sammlung ein.

 

3. Ein Blick in Jensens Manuskriptgestaltung

 

4. "Die Namenlosen" 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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